Der Gentleman - Vermächtnis
Zwanzig Jahre nach Philipps Tod führen Alice und Helena ein scheinbar normales Leben. Alice betreibt eine Gärtnerei auf dem ehemaligen Grundstück von Mark, während Helena weiterhin Bücher schreibt, die sie und Alice weltberühmt gemacht haben.
Als Alice in ihrem Schuppen den gefesselten Jonas und einen Briefumschlag entdeckt, wird ihre Vergangenheit auf erschreckende Weise wieder lebendig. Die Hinweise führen zu Geheimnissen, die Mark vor seinem Tod verborgen hielt, und offenbaren, dass sein Vermächtnis längst nicht so tot ist, wie alle glaubten.
Während sich der Schatten der Vergangenheit über Bregenz legt, muss Alice herausfinden, wer sie wirklich ist. Denn nur so kann sie verhindern, dass sich die Geschichte des Gentlemans wiederholt.
Leseprobe
Prolog
Haus von Mark: Fußach, zweiundzwanzig Jahre zuvor
Rhythmisches Klatschen durchdringt den Raum. Mark kniet hinter Lara, die ihre Finger in das Bettlaken krallt. Sie starrt auf das dunkelblaue Spannbetttuch unter ihr und zählt die Sekunden bis er fertig ist. Nach dreißig kurzen Atemzügen weicht die Spannung mit einem Keuchen aus seinem Körper. Ohne sie nochmals zu berühren, legt er sich auf die andere Seite des Bettes. Lara verharrt in ihrer Position, bis sie realisiert, dass es vorbei ist. Sie legt sich neben ihn und zieht die Decke über ihren Körper. Beide sagen kein Wort, sehen sich nicht an. So liegen sie zehn Minuten schweigend da, bis Lara sich aufrichtet und an die Bettkante setzt.
War ihr Liebesspiel früher von Zärtlichkeit und Augenkontakt geprägt, dient es jetzt allein dem Zweck, ihre Partnerschaft mit einem Kind zu krönen. Ein mechanischer Akt, den sie durchlaufen, um eine nicht mehr intakte Beziehung zu retten. Eine Beziehung, die zerbrach, als Lara nach 10 Wochen ihr Kind verloren hat. Das war vor sechs Wochen und ihr ist es immer noch unmöglich darüber zu sprechen, weswegen sie den Vorfall ignorieren und es weiter versuchen.
Lara starrt auf den Parkettboden. Das Geschlecht haben sie nicht erfahren. In ihrer Vorstellung war es ein Junge. Sie wollte immer einen Jungen, weshalb sie der Verlust noch mehr schmerzt. Auch wenn Mark und sie die Vereinbarung getroffen haben, dass sie es so lange weiter versuchen, bis Lara erneut schwanger wird, verleibt sich die Trauer jeden Tag ein weiteres Stück von ihrem Inneren ein.
„Ich kann das so nicht mehr“, sagt Lara und legt ihren Kopf in die Hände. „Ich bekomm ihn nicht aus dem Kopf.“
Mark starrt an ihr vorbei in den Raum. „Denkst du, mir geht es anders?“
„Ich weiß.“
Kurz nachdem sie das Kind verloren hatte, breitete sich die Ahnung in ihr aus, dass ein Stück von ihnen mit ihrem Jungen starb. Manchmal führt der Tod Menschen enger zusammen, bei Mark und ihr war das nicht der Fall.
Er erhebt sich vom Bett, zieht sich eine Hose an, ohne sie dabei anzusehen und verlässt das Zimmer. Fünf tiefe Atemzüge später folgt Lara ihm nach unten. Mark steht in der Küche, seinen Oberkörper auf die Arbeitsplatte gestützt und starrt aus dem Fenster. Sie kreisen wie zwei entfernte Planeten umeinander, verbunden und zugleich unmöglich sich innerlich anzunähern.
Bevor Lara die Totgeburt hatte, war ihr Bauch kaum zu sehen. Sie erzählten es vorerst niemandem. Beide wollten das Glück auskosten, bevor ihre Verwandten und Freude über sie herfielen, ihre Hände ungefragt auf Laras Bauch legten, oder sie mit Ratschlägen bombardierten, nach denen sie nicht gefragt hatten. Lara und Mark schwebten auf einer Wolke, die nur für sie reserviert war.
Als sie Mark vor dem Fenster stehen sieht, geht sie auf ihn zu und schmiegt sich von hinten an ihn. Ihre Handflächen kribbeln, er fühlt sich wie ein Fremder an.
„Mark?“
Er dreht sich um.
„Wir müssen damit aufhören. Ich glaube, es funktioniert nicht mehr. Lass uns noch ein bisschen warten. Ich meine, Kinder sind auch nicht alles und wir haben ja noch Zeit.“
Er öffnet seinen Mund, schließt ihn wieder und blickt auf das Parkett zu seinen Füßen. „Hättest du ein bisschen besser aufgepasst, dann wäre das alles nicht passiert.“
Sie löst sich von ihm. „Was soll das bitte heißen?“
„Na, ich meine, du warst nicht imstande ihn in dir zu halten und jetzt kannst du kein neues Kind in dir aufnehmen.“
„Ist das dein Ernst?“
Mark richtet seinen Blick nach draußen. „Du bist es, die ihn verloren hat. Ich weiß nicht was du getan hast, aber irgendeinen Grund muss es dafür geben.“
„Du meinst, es ist meine Schuld?“
Er dreht sich um, nickt. Jedes ihrer Beine nimmt augenblicklich zwanzig Kilo zu. „Du warst dabei, als der Arzt gesagt hat, dass es nicht unüblich ist, dass man das Kind in den ersten drei Monaten wieder verliert. Und jetzt wirfst du mir sowas vor?“ Ihre Stimme zittert.
„Ich war dabei, ja. Aber du bist gesund, ich bin gesund. Ich verstehe immer noch nicht, warum das passiert ist. Jetzt klappt es wieder nicht. Nur du kannst das Problem in der Gleichung sein.“
Lara taumelt ein paar Schritte zurück. „Weißt du was? Ich hab’ genug von dir und deinem Selbsthass.“ Sie versucht, ihre Gefühle zurückzuhalten. „Ich hab dir alles gegeben.“
„Offensichtlich nicht genug.“
Lara dreht sich um, Tränen fallen über ihre Wangen auf den Boden. Sie stapft ins obere Stockwerk, sucht ein paar Sachen zusammen, packt diese in eine Tasche und geht die Treppe wieder nach unten. Mark rührt sich nicht. Sie trocknet ihre Tränen mit den Ärmeln ihrer Jacke. Ihre Augen schwellen an. Sie hat vor ihn anzuschreien, Türen knallen zu lassen, doch ihre Wut verfliegt kurz nach diesen Vorstellungen.
„Du gehst wirklich?“
„Ja.“
„Na dann, machs gut.“
„Mehr hast du nicht zu sagen?“
Marks Augen, so grün und tief wie ein Bergsee. Sein Körper hält sich in diesem Raum auf, bei genauerem Hinsehen nur physisch. Es ist, als blicke sie durch ihn hindurch.
„Es gibt nichts, dass den Tod unseres Kindes ungeschehen macht, ihn zurückbringt und uns als Paar wieder ganz macht.“ Nach einer Pause fährt er fort. „Ich denke es ist besser, wenn du nicht mehr wieder kommst.“
Laras Gedanken stehen still. Sie will Mark noch so viel sagen. Auch, wenn sie die Kraft aufbringt, wäre es vergeudete Zeit. Alles ausdiskutiert in der Stille, die sie die letzten Wochen miteinander teilten.
Mark taucht in seine geistige Welt ab, unfähig, ihr in die Augen zu sehen. Sie dreht sich um, geht zur Tür und tritt in die Kälte des Abends. Lara steigt in ihr Auto, fährt die Einfahrt entlang und biegt auf die Straße Richtung Bregenz ein. Sie wird bei ihrer Mutter unterkommen.
Ihr Körper jetzt leichter als zuvor. Vor ihr liegt die Straße, die sie nur durch einen wässrigen Vorhang erkennt. Innerlich dankt sie Mark, dass er ihr einen Anlass gegeben hat, von ihm loszukommen. Permanent dachte sie, dass sie bei ihm bleiben müsste, um die Schuld ihres verlorenen Kindes zu begleichen. Seine Worte schmerzen nur im ersten Moment. Er hat ihr einen Grund geschenkt, ihn noch mehr zu hassen. Ab jetzt lebt sie wieder für sich, losgelöst von den Erwartungen, die er an sie gestellt hat, um mit ihrem Verlust abzuschließen.
Lara fährt und fährt, ohne bei ihrer Mutter anzuhalten. Sie verweilt in dem Raum zwischen der Zeit, in den Windgeräuschen, in dem Stück Realität, das für einen Augenblick allein ihr gehört. Tränen der Erlösung laufen weiter ihre Wangen hinunter, sammeln sich in ihrem Schoß. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.
Sechs Wochen später.
Lara linst auf den Schwangerschaftstest, der auf dem Waschbecken vor ihr liegt. Sie hat die Hände zu einer betenden Geste gefaltet. Ihr Körper springt zwischen Hitze und Kälte, sie rutscht hin und her und drückt sich dabei auf den flauen Magen.
Alles worauf sie sich fokussiert ist der Timer ihres Smartphones, mit dem sie den Countdown flüsternd herunter zählt. Ein Ping ertönt. Sie greift mit ihren schweißnassen Händen nach dem Test. Als sie das Ergebnis abließt, steigt Galle in ihr auf. Lara wirft ihn mit aller Kraft gegen die Wand und sieht zu, wie sich die Plastiksplitter im Bad verteilen.
Teil 1
1. Kapitel
Grundstück von Alice und Helena: Fußach, Samstag, 01.06.2044
Alice blickt aus dem Fenster. Laubbäume, die sich im Wind voreinander verneigen. Dicke Tropfen peitschen gegen die Scheibe, aus der sie einen Teil der Außenwelt erkennt. Zweiundzwanzig Jahre ist es her, dass Philipp starb und sie zur Volksheldin aufgestiegen ist. Wenn sie jetzt die vergilbte Kamera in den Händen hält und auf den ausgeklappten Bildschirm sieht, kommen ihr die vergangenen Jahre unwirklich vor.
Ein Video von ihr, zwanzig Jahre jünger, wie sie im Wahn ein Geständnis ablegt. Im Hintergrund Philipp, dessen Lachen ihr eine Gänsehaut verpasst. Nach all den Jahren sieht sie es sich immer wieder an, um sich ins Gedächtnis zu rufen, dass das nicht sie ist. Dass es eine Version von ihr darstellt, die Mark in ihr heraufbeschworen hat. Wenn sie das Video ansieht, erinnert sie sich daran, dass Helena nie die Wahrheit erfahren darf. Wüsste sie von ihren Taten, würde alles, was sie zusammen aufgebaut haben, zerfallen.
Nach all der Zeit hat sie begriffen, dass sie sich verteidigt hat. Sie hat reagiert, nicht agiert, als er sie dazu gezwungen hat. Alice starrt weiterhin auf den Bildschirm, als Helena nach ihr ruft: „Alice, Schatz? Frühstück ist fertig. Komm bitte, ich muss bald wieder los.“
Sie schaltet die Kamera aus, klappt den Bildschirm ein und versteckt sie in ihrem Schreibtisch im Nebenzimmer. Dann steigt sie die Treppe nach unten. Ihr Haus ähnelt dem von Mark: zweistöckig, mit Holzelementen. Der Unterschied sind die Zimmeraufteilungen, die Größe und Helligkeit. „So viel Tageslicht wie möglich“, hatte sie dem Architekten gesagt. Wenn sie bei Dunkelheit einzelne Elemente davon betrachtet, kommt es ihr für einen Moment so vor, als würde sie sich in Marks ehemaligem Haus aufhalten. Und wenn Helena nicht da ist, fühlt es sich für einen Augenblick auch so an.
Am anderen Ende des offenen Wohnraums steht Helena in der Küche und wischt auf ihrem haudünnen Tablet umher, eine angebissene Brötchenhälfte im Mund, die Kaffeetasse in der linken Hand. Als sie Alice sieht, stellt sie die Tasse ab und nimmt das Brot aus dem Mund.
„Ah, da bist du ja endlich. Können wir anfangen? Ich sollte in zehn Minuten gehen. Du weiß doch, der Verkehr um die Zeit ist die Hölle und dazu noch das Wetter heute.“
Alice nickt, gibt ihr einen Kuss auf die Wange, den Helena mit einem Lächeln erwidert. Während des Frühstücks sprechen sie kein Wort. Helena wischt weiter auf dem Tablet auf und ab. Alice sieht ihr dabei zu, wie sie mit einer Strähne im Haar und Falten auf der Stirn die Fragen für ihr Interview heute Abend durchgeht.
Helena ist Ende vierzig, hat ein Gesicht wie eine Dreißigjährige und Augen so klar und scharf, wie seit ihrer Kindheit. Trotz all ihrer Schönheit hat sich ihre Ausstrahlung über die Jahre verändert. Sie trägt nicht mehr zwei verschiedene Schuhe, geschweige denn die bunten Röcke, Stricksachen oder farbige Socken. Vielmehr kleidet sie sich mit einer Kollektion aus schwarz- und dunkelblauen Hosenanzügen. Auf ihrer Nase thront eine Brille mit durchsichtigem Gestell. Ihr Haar ist bereits von grauen Strähnen durchzogen, das ihr Anmut verleiht, doch Alice vermisst ihre braunen, ins rötlich verlaufende lange Mähne. Als ernsthafte Schriftstellerin muss sie seriös wirken, hat sie zu ihr gesagt. „Ich kann nicht so rumlaufen wie früher. Was sollen die Leute denn denken? Das ich bei meinen Geschichten auch so nachlässig bin, wie bei meiner Kleiderwahl?“
Alice hat dies stets toleriert, so, wie Helena es akzeptiert hat, dass sie auf das ehemalige Grundstück von Mark gezogen sind. Es war das billigste Grundstück in ganz Vorarlberg. In der Bevölkerung ging das Gerücht um, dass es verflucht sei. Von außerhalb kamen Schaulustige, die sich auf dem Gelände rumtrieben, Partys veranstalteten, sodass die Gemeinde es mittels Zäunen absperrte. Wohnen wollte niemand darauf.
Nach den zwei Büchern, die Helena über ihre Geschichte geschrieben hatte, zum einen „In den Fängen des Gentlemans. Wie ich entkam“ und „Der Gentleman kehrt zurück. Wie mein Freund versuchte, mich umzubringen“ wuchs der Mythos dieses Areals weiter an. Beide Bücher waren Bestseller. Nicht nur in Österreich oder in Deutschland. Sie wurden in vierundzwanzig Sprachen übersetzt, standen monatelang auf der New York Times Bestsellerliste und die Filmrechte verkauften sie nach Hollywood.
Es gab eine Zeit nach diesen zwei Büchern, in der Alice einziger Wunsch war, dass der Trubel um sie endete. Sie löschte all ihre Social Media Accounts und versuchte Helena zu überreden in ein Land zu ziehen, in dem sie Unbekannte waren. Obwohl sie in der Provinz wohnten, wurde ihre Wohnung von Reportern belagert und ihr Smartphone klingelte pausenlos. Helena störte das, zum Erstaunen von Alice, nicht so sehr wie sie selbst. Helena sagte ihr jeden Tag erneut, dass es dazu gehörte, dass alles bald wieder vorbei wäre und sie es sich dann zurückwünschen würde.
Sie glaubte ihr und nachdem sie die Filmrechte verkauft hatten und der erste Film Premiere feierte, verlagerte sich der Fokus auf die Schauspieler und den Regisseur. Dafür, dass Helena die Bücher für die Filme zu Drehbüchern umschrieb, interessierte sich nur eine Handvoll Reporter, die bei der Uraufführung ein paar Bilder von beiden knipsten. Ein Moderator fragte nach dem Zusammenhang zwischen Ihnen und den Filmen. Was Alice wieder aufatmen, Helena frustriert zurückließ. Beim Debüt des zweiten Teiles entschieden sie, zuhause zu bleiben. Ein halbes Jahr später kauften sie Marks ehemaliges Anwesen.
In einer Zeitungsannonce stieß Alice auf das Grundstück. Als sie das Bild sah, wurde ihr bewusst, dass sie dieser Ort für immer verfolgen wird, warum also nicht dort leben? Das Areal kostete 75500 Euro. Helena benötigte viel Überzeugungsarbeit, da sie zuerst überhaupt nicht begeistert war. Es dauerte ein halbes Jahr mit tagelangen Diskussionen, in denen sie über die vergangenen Ereignisse und deren Bedeutung debattierten. Am Ende überzeugte sie Helena mit dem Argument, dass sie ihren Wunden nur einen neuen Sinn geben könnten, wenn sie in der Nähe deren Ursprungs sind. So würden sie wieder zusammen wachsen. Helena grübelte eine Woche darüber, willigte ein und sieben Tage später unterzeichneten sie die Grundstücksurkunde. Sie ließen die Ruinen einreißen, pflügten das Feld und bauten ein Haus mit deckenhohen Fenstern und Zedernholz.
Jetzt sitzt sie in diesem Haus und kehrt mit ihren Gedanken zurück in die Gegenwart. Alice sieht Helena dabei zu, wie sie ihren Kaffee in kurz hintereinander folgenden Schlucken leer trinkt, sich eine Strähne aus dem Gesicht wirft und das Tablet in ihre braune Tasche verstaut. Sie isst die letzten zwei Schnitze Apfel auf ihrem Teller und für einen Moment ist sie wach und ganz bei ihr. Alice öffnet den Mund, schließt ihn, sieht in Helenas Augen, die dasselbe tut, als sie fragt: „Wann bist du wieder zurück?“
„Übermorgen. Du weißt doch, dass ich das mit einer Lesung verbinde.“
Früher hat Helena sie zu ihren Lesungen mitgenommen, gefragt, was sie bei den Talkshows antworten soll. Jetzt starrt sie sie nur an und nickt.
„Okay, dann schätze ich, wir sehen uns am Wochenende wieder?“
„Genau.“
Helena steht auf, stellt ihren Teller in die Spüle, kehrt zurück, greift nach ihrer Tasche und drückt Alice einen Kuss auf die Stirn.
„Ich melde mich, wenn ich angekommen bin.“
Sie nickt. Helena dreht sich um, zieht sich an und öffnet, ohne sich umzusehen, die Tür zur Garage. Alice sieht dem Auto hinterher, das die Einfahrt durch den strömenden Regen passiert. Das Tor öffnet und schließt sich, die Lichter des Autos verschwinden. Sie blickt in ihre Kaffeetasse, deren Wärme nicht mehr in ihrer Handfläche kribbelt.
Sie waren ein paar Jahre wirklich glücklich, nicht das Glück, das man der Außenwelt vorlügt, wenn die Leute fragen, wie es einem geht. Sondern eine tiefe Geborgenheit, die sich wie die sanfte Wärme der Kaffeetasse in ihrem Körper ausbreitete.
Sie vermag den Moment nicht auszumachen, in dem sie sich voneinander entfernt haben. Wenn sie genauer nachdenkt, gab es keinen. Es war und ist ein schleichender Prozess. Als ihre beiden Bücher alle Erwartungen übertroffen hatten und nach dem Verkauf der Filmrechte, bemerkte Alice, dass Helena sich veränderte. Es war die Zeit, als Helena die Vorliebe für schwarze und dunkelblaue Hosenanzüge entwickelte. Zusammen mit ihrem neuen Aussehen stürzte sie sich wieder in ihre Arbeit, wie sie es vor ihrem Wiedersehen getan hatte.
Was vor ihrer Beziehung zwei Jahre gedauert hatte bis Helena sich in den Burnout schrieb, hielt seit mehr als zehn Jahren an. Sie manövriert sich in regelmäßigen Abständen ein Stück von dieser Klippe weg, um die folgenden Wochen mit voller Kraft darauf zuzusteuern. Alice war dabei nur eine Zuschauerin, da sie erst in der Retrospektive verstand, was die Merkmale dafür waren. Über die Jahre erkannte sie die Anzeichen immer früher, doch Helena zog sich mehr und mehr von ihr zurück. Zum Beispiel, wenn sie nach einem Arbeitstag aus ihrem Zimmer kam und ohne mit Alice zu reden die Spülmaschine ausräumte, dabei Teller und das Besteck besonders lautstark in die Schubladen einräumte. In einer Woche entwickelten sich beim Schreiben die Charaktere nicht so, wie es ihr gefiel, ein anderes Mal fand sie die Geschichte nicht aussagekräftig genug und die Tage darauf fehlte dem Buch das Thema. Die ganze Zeit quälten sie Selbstzweifel, dass sie es nie wieder schaffen würde, an ihren Erfolg anzuknüpfen, was Helena durch noch mehr Arbeit zu kompensieren versuchte.
In diesen Momenten sagte Alice, dass sie das vor den zwei Büchern schon hinbekommen habe und das sie es auch jetzt schaffte. Helena nickte, murmelte darauf etwas, das so klang wie, „du verstehst das nicht“ und schloss sich wieder in ihr Zimmer ein.
Zwei Jahre nach den Büchern über den Gentleman schoss ihr Roman „Chroniken einer Toten“ auf Platz eins der Bestsellerlisten. Im Buch setzte sie sich mit ihrem Erwachsenwerden als Frau und der innerlichen Einsamkeit auseinander, die ihrer Meinung nach in uns allen existiert. Durch diesen Erfolg löste sie sich von den Gentleman Büchern, ihre Arbeitsweise und Selbstzweifel behielt sie jedoch bei.
Seit damals schrieb sie weitere zehn Bücher, wovon jedes Exemplar eine schlichte Schönheit, Eleganz und Kraft beinhaltet – wie Literaturkritiker ihre Werke beschrieben. Manche von ihnen zählen sie zu den wichtigsten Autorinnen unserer Zeit. Was viele nicht wissen ist, dass Helena sich mit jeder Geschichte, jedem Jahr ein Stück weiter von Alice und ihrem Früheren Ich entfernt.
Sie hätte Helenas Bücher durchlesen sollen, nicht nur bis zur Hälfte, oder die ersten Kapitel. Jede Seite verschlingen und mit ihr darüber reden. Sie weiß, dass das Helena gefallen hätte. Nie stellte sie Forderungen, oder bat Alice mit ihr über die Themen, die sie beschäftigten zu reden. Der Raum zwischen ihnen, mit Stille gefüllt, bestätigt für sie die Tatsache, dass sie Helena nie dahin gefolgt ist, wo sie jetzt lebt.
Alices Blick heftet sich auf ihren Teller. Sie versinkt im Sog ihrer Gedanken. Ihr halbes Brot liegt angetrocknet da, die andere Hälfte hat sie ohne es zu registrieren verschlungen. Sie hat keinen Hunger mehr, räumt den Tisch ab, leert den erkalteten Kaffee in die Spüle und füllt sich eine frische Tasse. Ihr nächster Blick fällt auf die Uhr. Halb acht. Die Gärtnerei, die sie auf das freie Feld hundert Meter vom Haus entfernt gebaut haben, öffnet erst um neun. Das gibt Alice Zeit, um aus dem Fenster zu starren und dem Regen zuzusehen wie er in langgezogenen Streifen vom Himmel fällt. Das macht sie, bis sie ihren Kaffee ausgetrunken hat. Danach stellt sie das Fernsehgerät mit einer Handbewegung an.
Das Programm der Vorarlberger Lokalnachrichten erscheint auf dem Bildschirm. Ein Mann steht aufgeregt auf dem Kornmarktplatz mitten in Bregenz. Hinter ihm gehen Polizisten hinter einer Absperrung auf und ab. Sie legen ein Tuch um eine Person, die am Boden sitzt und mit ihren Armen um sich schlägt. „Junge Frau wurde offensichtlich entstellt“, ertönt es aus seinem Mund. Alice erstarrt. Sie kennt den Wortlaut. Nach all den Jahren ist Mark immer noch präsent in ihrem Kopf. Sie versucht tief durchzuatmen, zwingt sich, den Beitrag weiter anzusehen, um sicherzugehen, dass sie ihn nicht falsch verstanden hat.
„Leider möchte uns die Polizei noch keine Informationen zum Tathergang schildern, doch es scheint, als wäre die Frau unter Drogen gestellt worden. Wir haben bereits mit den Anwohnern gesprochen. Diese haben sich heute Morgen um ca. sechs Uhr darüber beklagt, dass eine Frau auf einer Bank sitzt, schreit und weint. Nachdem einer der Bewohner wutentbrannt nach unten gestürmt ist, und sah, was die Frau auf ihrer Stirn hatte, haben sie den Notarzt und die Polizei verständigt. Es handelt sich um einen Kreis, der sich an der Oberseite überschneidet. Wie eine halbe liegende Acht, die beiden losen Enden zu Hälsen geformt. Es scheint ein offener Ouroboros zu sein. Das ist alles, was wir derzeit wissen, obwohl Experten meinen, es sei ein moderner Hybrid aus Ouroboros, Yin-Yang, Kaduzeus und Dualitätsmotiven. Es geht um einen nicht geschlossenen Prozess, so viel sei sicher. Die zwei Köpfe könnten auch für ...“
Alice schaltet den Fernseher mit einer Handbewegung aus. Ihr Herz rast. Das kann nicht sein, denkt sie. Ein Nachahmungstäter? Sie schüttelt den Kopf, legt die Hand auf ihre Augen. Die schlimmste Art von Fans. Sie erinnert sich an Partys, bei denen Frauen sowie Männer überwältigt und ihnen Maskierte Zeichen auf die Stirn kritzelten. Klingt lächerlich, wenn sie es sich ins Gedächtnis ruft, doch das war zeitweise ein Problem. Im Internet existierten ganze Foren, die Mark für seine Verbrechen verehrten und wie er sein wollten. Einen ernsten Fall wie diesen, gab es nie. Es waren im Grunde alles Blender, die im Netz den Frauenhass zu ihrer Identität auserkoren haben und versuchten, gekleidet in Anonymität, ihn in der realen Welt auszuleben. Diese Person ging einen Schritt weiter. Doch nach all den Jahren?
Alice steht auf, schiebt ihre Gedanken beiseite. Das alles ist zu lange her, dass es irgendeinen Sinn oder Zusammenhang für sie ergeben würde. Bloßer Unsinn. Wieso sollte jemand nach all den Jahren wieder damit anfangen? Diese Frau hat sich zugedröhnt und ist auf eine Glasflasche oder etwas anderes gefallen. Allein auf die Sensationsgeilheit mancher Medien ist Verlass. Sie schnaubt, dann lacht sie über ihre Leichtgläubigkeit, zieht sich ihre dunkelgrüne Latzhose an und rennt durch den schwächer werdenden Regen in ihre Gärtnerei, die in einer halben Stunde öffnet.
2. Kapitel
Bregenz Life Fest, Freitag, 31.05.2044
Die Sonne versinkt hinter den Bergen, Dunkelheit legt sich über das Land, nur die flackernden blau-roten Lichter von der Bühne erhellen den Kornmarktplatz in Bregenz. Zuvor spielte eine zweitklassige Band, jetzt beschallt ein DJ die Innenstadt, der alle Lieder, die gerade in den Charts sind, rauf und runter abspielt.
Emilie stellt mit einem Blick in ihren Becher fest, dass sie Nachschub braucht. Sie wankt zum Getränkestand, kauft sich einen weiteren Drink und sieht sich um. Ihre Freundinnen haben die Feier bereits verlassen. Sie wollten sie dazu bewegen, mitzukommen, doch Emilie blieb. Warum? Aus dem Grund, warum sie immer als Letzte gehen will. Die körperliche Nähe eines anderen Menschen, vorzugsweise männlich.
Vor zwei Monaten hat sie ihr Freund Paul verlassen. Sie waren vier Jahre zusammen, bis er eines Tages meinte, dass er keine Zukunft mehr mit ihr sieht. Emilie hat ihm, als sie das hörte, eine Ohrfeige verpasst. Sie ist fünfundzwanzig, hat ihm vier Jahre ihres Lebens geschenkt. Wie viele Typen sie anstatt ihm hätte haben können. Einen Teil ihrer besten Jahre einfach verschenkt. Sie weiß, dass ihre Freundinnen sie dafür verurteilen. Zügellosen, schnellen Sex mit Fremden. Früher waren sie einer Meinung, doch diese Akte sind das Einzige, was ihren Schmerz betäubt.
Sie findet es unfair, dass Männer für diese Art Sex gefeiert werden. Frauen sollten aufpassen, ihr Gesicht wahren. Ein männliches Narrativ, dass sich hält, wie ihre Suche nach Erlösung, egal wie viel Zeit verstreicht oder wie fortgeschritten unsere Gesellschaft ist. Sie prustet verächtlich in ihren Drink. Warum kümmern sich die Leute nicht um ihren eigenen Scheiß? Egal, denkt sie. Ich geb mir noch einen Drink Zeit, jemanden zu finden, dann hau ich ab.
Die Masse an Menschen verliert immer mehr an Dichte. Sie weiß nicht, warum sie auf dieses Fest gekommen ist, auf dem die Besucher, keiner anderen Beschäftigung nachkommen, als sich zu betrinken und danach im Vollrausch zu vögeln. Und ich bin ein Teil davon, denkt sie, lacht wieder in ihren Becher und trinkt erneut einen Schluck daraus.
Als der DJ ein älteres Lied spielt, dessen Titel ihren Namen trägt, steigt ein Teil ihres Mageninhaltes nach oben, den sie wieder herunterschluckt. Sie schreit „Buuuh“ in Richtung Bühne und zeigt ihren Mittelfinger. Danach geht Emilie auf einen der Kastanienbäume zu, als sie ein Betrunkener anrempelt und ihr halbes Getränk verschüttet.
„Aua! Pass doch auf du Arschloch.“ Sie reibt sich ihren Arm. Der Mann dreht sich nicht um. Er trägt eine schwere Lederjacke, von der sie nur die Rückseite sieht. Zu warm für das Wetter, denkt sie und ärgert sich, dass sie ihm keinen Tritt verpasst hat.
Emilie stellt sich unter einen der Bäume, sieht sich weiter um, wartet darauf, dass sie jemand anspricht. Obwohl sie selbst jemanden ansprechen könnte, erlebte sie in der Vergangenheit, dass sie für einen Großteil der Männer so keinen Reiz darstellte. Diejenigen, die ja sagten, stellten sich als Versager heraus. Sicher wäre es unkomplizierter, wenn sie sich bei einer Dating App anmeldet, sich von einer KI ein paar Vorschläge aufgrund ihrer Vorlieben und ihres Charakters geben lässt. Zu Anfang tat sie auch das, doch mit jedem weiteren Date langweilte sie sich mehr. Im Vorfeld alles vom Gegenüber zu wissen, nahm ihr die Spannung des Kennenlernens. So ist es ursprünglicher, aufregender.
Ein Junge kommt auf sie zu. Seinem Teint zu urteilen, ist er gerade achtzehn geworden. Er spricht sie an, fragt, was sie hier ganz allein mache. Sie mustert ihn, dann sagt sie: „Nicht mal, wenn ich noch betrunkener bin, würde ich.“
Er hakt nach, fragt, ob sie einen Freund habe, dass das ja kein Hindernis sei. Sie winkt ab. Dann sagt er: „Ich würde nicht mal mit dir ins Bett, wenn ich blind wäre, du dumme Schlampe“, was sie ungehört so stehen lässt.
Er hat doch mich angesprochen, denkt sie und trinkt weiter aus ihrem Becher. Diese fragilen Egos. Ein paar Minuten später schmerzen ihre Augen, sie verliert ihr Gleichgewicht. Das Licht der Bühne blendet sie. Sie dreht sich um, sucht nach einem Ort, um sich zu sammeln.
Anstatt über den Kornmarktplatz zu gehen, stolpert sie in eine der Gassen. Niemand ist dort und die Lichter verlieren ihre Kraft. Sie atmet auf, als sie zwischen den Häusern steht und lehnt sich an eine Hauswand. Ihr Herz pocht. Die Kälte der Hauswand schmiegt sich wie eine Decke an ihren Rücken. Sie trinkt den Rest ihres Weines, wirft den Becher auf das Kopfsteinpflaster. Sie hört eine fremde Stimme und zuckt zusammen. Es ist ein dunkles Lachen. Sie blickt nach links, von wo aus das Lachen kam. Dort steht jemand und beobachtet sie.
„Was gibts da zu lachen?“, fragt sie.
Er kommt auf sie zu. Als sie seine Umrisse wahrnimmt, denkt sie, dass sie heute doch noch zum Zug kommt. Auch, wenn seine Gestalt vor ihren Augen verschwimmt, erahnt sie, wie er aussieht. Mindestens einen Kopf größer als sie, breite Schultern, dunkle Stimme, mit der er zu ihr spricht.
„Na? Ein Versuch dich vor mir zu verstecken?“
„Ich war die ganze Zeit da. Du hättest nur zu mir kommen müssen.“
„Hier bin ich.“
Sie sieht ihn an. Irgendetwas zieht sie zu ihm. Die Kontrolle über ihren Körper entgleitet ihr, was sie mit einem Lächeln zulässt.
„Und jetzt soll ich einfach so zu dir kommen?“
„Ja.“
Emilie grinst. „Was bekomme ich denn, wenn ich zu dir komme?“
„Einen unvergesslichen Moment.“
„Das hört sich dämlich an. Beschreib ihn mir.“
„Ich zeig ihn dir lieber.“ Er kommt auf sie zu. Sie tritt ebenfalls einen Schritt näher. Seine Zunge dringt in ihren Mund ein, seine Arme umschließen ihre Taille. Ein Kribbeln breitet sich von ihrem Unterleib auf ihre Gliedmaßen aus. Ihr Geist löst sich von ihrem Körper. Es ist, als stünde sie neben sich. Er drückt sie an die Hauswand. Emilie presst sich fester an ihn.
Nachdem eine Gruppe Passanten vorbeikommt und sie wieder allein sind, löst er sich von ihr. „War´s das mit dem Moment schon?“, fragt sie, während sein Gesicht immer mehr vor ihren Augen verschwimmt. „Ich bin Emilie, wie heißt du?“
„Ich bin noch nicht fertig.“
Sie legt ihre Hände auf seine Brust. Ihre Handflächen sind schweißnass, die Haut unter ihren Fingern vibriert.
„Ich will erst deinen Namen wissen“, versucht sie zu sagen und realisiert, dass keine Worte aus ihrem Mund kommen. Mit einem Mal ist sie im Inneren ihres Körpers gefangen. Emilie will ihre Hände von seiner Brust nehmen, was ihr nicht gelingt. Sie verliert die Kontrolle über ihre Aktionen.
Er küsst sie ein weiteres Mal. Das Letzte was sie bewusst hört, ist: „Jetzt kommt der Moment, den du nie wieder vergessen wirst.“ Dann sieht sie, wie er ein Messer aus seiner Tasche zieht und an ihre Stirn hält. Etwas Warmes fließt über ihre Wange und tropft auf ihre Bluse. Sie spürt seine Erektion an ihrem Becken, als er ihr die Schnitte in das Fleisch ritzt.
Als er den Kreis mit den Schlangenköpfen gezeichnet hat, betrachtet er sein Werk. Für das erste Mal nicht schlecht, findet er. Er blickt sich um. Das war beinahe zu simpel. Die Passanten gafften beide an und er küsste sie nochmals, um die Wirkung der Betäubung abzuwarten, das er ihr im Vorbeigehen gespitzt hat. Sie ist seine Leinwand, seine Botschaft, dass ein neuer Zyklus anbricht.
Er sieht zu, wie das Blut von ihrer Stirn rinnt, tritt einen Schritt zurück, um nicht der Versuchung zu erliegen, sie weiter zu bearbeiten. Sein Herz rast, durch seine Arterien fließt pures Adrenalin. In seinen Ohren hört er sein Blut rauschen. So lebendig hat er sich lange nicht mehr gefühlt. Er würde gerne die ganze Nacht hier stehen und zusehen, wie sie mit schiefem Mund und halbgeöffneten Augen vor sich hinsabbernd, ihr Blut trinkt. Doch das geht nicht, sein vorbestimmter Weg bleibt ihm ansonsten verwehrt.
Sie werden ihn als Nachahmungstäter bezeichnen, was ihn in seiner Vorstellung zum Kochen bringt. Der Gentleman war schwach. Er übertrumpft ihn in jeder Hinsicht. Er glaubt nicht, er liebt nicht. Das Einzige, wovon er ausgeht, ist, dass alles irgendwann stirbt und dass er nicht schuldig ist, wenn er nachhilft. Gänsehaut überzieht seine Haut bei dem Gedanken. Er wagt einen letzten Blick, dann dreht er sich um und eilt aus der Gasse.
3. Kapitel
Gärtnerei von Alice, Fußach, Samstag 01.06.2044
Der Regen hat sich verzogen. Das Gras glänzt im Sonnenlicht, der Geruch von Erde erfüllt die Luft. Alice geht auf das freiliegende Feld neben den Gewächshäusern in Richtung des Schuppens, in dem sie ihre Geräte lagert. Sie schließt ihn auf, holt zwei Kisten, einen Spatel und Zange heraus. Die ganze linke Hälfte des Feldes ist in einen Acker umgewandelt worden. Auf der rechten Seite, wenn sie vor ihrem Haus steht, befinden sich zwei Gewächshäuser, von denen jedes fünf Mal größer ist, als ihr Haus und in dem sie für ihre Tageskundschaft Blumen, diverse Obstträucher, Zimmerpflanzen lagert und verkauft. In der Mitte liegt der mittlerweile geteerte Weg und teilt die beiden Abschnitte.
Das Gelände ist so ausladend, dass es für sie unwirklich erscheint, es allein aus dem Verkauf von Büchern und Filmrechten finanziert zu haben. Genauer gesagt, von dem Verkauf ihrer Lügen, die keine Lügen mehr für sie sind, sondern die Wahrheit. Nach all den Jahren der falschen Tatsachen muss Alice sich anstrengen, den genauen Tathergang zu rekonstruieren. Trotz des Videos geht sie es immer wieder durch.
Sie hätte in ihrem alten Leben nicht im Traum daran gedacht, eine Gärtnerei zu leiten. Besitzt sie doch einen Abschluss im Finanzwesen, was ihre Mutter damals durchgesetzt hat. Sie erinnert sich an den letzten Blick, den Sylvia ihr geschenkt hat, als sie ihr wahres Gesicht zeigte. So, als hätte sie sie nie gekannt.
Gänsehaut erfasst sie. Sie presst die Kiefer aufeinander. Keine einzige Träne weinte sie wegen ihr. Es gibt Phasen, die aus Wochen, oder Monaten bestehen, in denen sie ihr nie in den Sinn kommt. Dann entstehen Momente wie heute, wenn sie innerlich ihren zuckenden Leib am Boden betrachtet. Mit jedem Mal verschwimmt die Szene mehr vor ihrem inneren Auge, bis sie sie hoffentlich irgendwann vergessen hat.
Alice richtet sich auf, legt zwei Japanese White Egg Auberginen in eine der grünen Kisten und blickt auf die Uhr. Viertel vor neun. In einer halben Stunde kommt jemand und holt die Bestellung ab. Sie besitzt eine Kooperation mit dem Sisyphos, einem Restaurant in Bregenz, die das Beet für ihre Zwecke angemietet haben, um alte Gemüse-, Kartoffelsorten sowie verschiedene Kräuter anzubauen. Sie erntet Stängelkohl, Erdbeerspinat, Mangold, Steckrübe und zwanzig Knollen der roten Emmaline und stapft mit den Kisten in das Gewächshaus, stellt sie auf die Ladentheke und wartet. Mitarbeiter hat sie keine. Als sie anfing, beschäftigte sie zwei Angestellte. Mit der Zeit wurde ihr bewusst, dass sie die Arbeit allein bewerkstelligte, da Helena oft unterwegs war. Anstatt mit ihr über ihre Einsamkeit zu reden, steckte sie mehr Fleiß als jemals zuvor in die Gärtnerei. Ein Vorteil für sie ist ihre körperliche Fitness.
Eine halbe Stunde vergeht. Ein paar Kunden kommen, die bestellte Erdbeersträucher abholen, Tomaten- und Zimmerpflanzen kaufen. Manche mustern sie kurz, andere behandeln sie, als ob Alice ihr Leben lang nichts anderes getan hätte, als diese Gärtnerei zu führen. Nach zwanzig Jahren ist sie zwar weiterhin bekannt, doch langsam vergessen sie die Leute. Am Anfang kamen Kunden, um sich ihre Bücher signieren zu lassen. Wenn sie nach dem Grund fragte, war die Antwort: „Sie haben das schließlich alles durchgestanden.“ Alice störte das zu Beginn. Sie dachte, dass es eigentlich vorbei wäre. Ein Teil von ihr genoss es und für das Geschäft der Gärtnerei war es unentbehrlich, also ließ sie es zu.
Diese positive Aufmerksamkeit waren sie ihr schuldig, für das, was sie auf sich genommen hatte. Nach der Eröffnung und den Buchsignaturen dachte sie immer wieder, dass die Menschen ihr Respekt und Demut schuldeten. Schließlich hatte sie den Gentleman aus dem Verkehr gezogen. Mit der Zeit verflüchtigte sich die erneut auflodernde Gier nach Anerkennung und stattdessen wurde sie hochmütig und fühlte sich besser als ihre Mitmenschen. Sie hatten nicht das erlebt, was sie durchgemacht hatte. Die anderen waren schwach. Sie nicht.
Um zwanzig nach neun öffnet sich die Tür am anderen Ende. Tim, der einen halben Kopf größer ist als sie, kommt auf sie zu. Er lächelt, als er sie sieht. Ihr Puls beschleunigt sich. Sein braunes Haar ist zu einer Militärfrisur zurückgestutzt. Seine blauen Augen fixieren sie.
„Was hast du mit deinem Haar gemacht?“
„Es war viel zu lang für die Küche. Ging mir nur im Weg um. So ist es besser.“
„Hat mir so gut an dir gefallen.“
Er nickt, lächelt. „Ich weiß, aber so ist es besser.“
„Ist es das?“ Er zeigt auf die grünen Kisten hinter ihr.
Alice nickt.
„Hast du auch nichts vergessen? Wenn irgendetwas fehlt, flippt er wieder aus.“
„Dann musst du eben wiederkommen.“
„Ich find das nicht lustig.“
„Schau halt nach.“
Tim geht um die Theke zu den Kisten, die auf einem Sideboard stehen. Nach und nach zieht er einzelne Gemüse aus der Kiste und vergleicht sie mit der Liste. Alice Blick wandert auf seine tätowierten Unterarme. Sie dreht sich auf ihrem Stuhl hin und her, blickt sich um. Dann steht sie auf, legt ihre Arme um seine Hüfte und schmiegt sich von hinten an ihn.
Er versucht sich zu befreien, dann sagt sie: „Keine Sorge, es ist niemand hier.“
„Und sie?“
„Ist heute Morgen losgefahren, kommt erst am Montag wieder.“
Tim stoppt seine Befreiungsversuche. Sie legt ihren Kopf von hinten auf seine Schulter. „Du musst nicht nachsehen, es ist alles da.“
„Hab ich mir gedacht.“
„Heute Abend, nachdem du fertig bist?“
„Ich weiß noch nicht, wie lange ich brauche.“
„Komm einfach, ich will heute Abend nicht allein sein.“
„Okay.“
Er löst sich aus ihrem Griff, packt die Kisten und geht damit vor die Theke.
„Beeil dich einfach, das letzte Mal ist schon viel zu lange her.“
Tim grinst, dann geht er durch die Tür nach draußen.
4. Kapitel
Haus von Alice: Fußach, Samstag Abend, 01.06.2044
Sie sitzt auf ihm, reitet ihn, blickt in sein vor Wollust verzerrtes Gesicht. Seine Hände auf ihren Brüsten. Sie saugt all die Zärtlichkeit und Lust aus ihm, die sie die letzten Jahre bei Helena vermisst hat. Mit einem Stöhnen ergießt er sich in sie. Nachdem sie zwei weitere Male gekommen ist, steigt sie von ihm ab und lässt sich neben ihn ins Bett fallen.
Alice weiß nicht, wie alt er ist. Eine der Sachen, die sie ihn nie gefragt hat. Sie schätzt ihn auf Mitte zwanzig, nicht älter. Sie dreht sich zu Tim um, der keuchend neben ihr liegt.
„Brauchst du eine Pause?“
„Ich bitte darum. Du bist ja unersättlich.“
„Das weißt du doch.“
„Ich hol mir ein Glas Wasser, willst du was?“
„Für mich auch.“
Er steht auf, zieht sich seine Boxershorts an und geht aus dem Zimmer. Alice starrt derweil an die Decke und fragt sich, warum sie mit ihm schläft. Reine Ablenkung? Am Anfang dachte sie, dass sie eine Midlife-Crisis hat, da sie langsam auf die fünfzig zugeht, doch das war es nicht. Auch nicht, dass sie sich nicht mehr begehrenswert fühlte und deswegen mit jemandem, der ihr Sohn sein könnte, schlafen wollte.
Sie ist immer noch schön, beinahe wie damals, doch der eigentliche Grund ist, dass sie Helena um ihr Leben beneidet. Sie war unterwegs, strich Anerkennung etwas ein, dass Alice durchgestanden hatte. Sie war es, die ihr zu diesem andauernden Ruhm verhalf.
Ja, sie zog sich aus eigener Entscheidung aus der Öffentlichkeit zurück, eröffnete die Gärtnerei, um einer körperlich anstrengenden Arbeit nachzugehen. Ihr Ziel war innere Ruhe, die sie fand, in der meditativen Gleichheit wiederkehrender Tätigkeiten. Mit den Jahren, als jeder Tag gleich aussah und sie Helena für ihre Medienpräsenz erst bemitleidete, dann beneidete, drohte sie zu ersticken.
Als sie die Kooperation mit dem Restaurant einging, in dem Tim federführend für den Anbau des Gemüses bei ihr argumentierte und jeden Tag zu ihr kam, bemerkte sie, dass er sie mit einem Blick beobachtete, der mehr als nur Neugier ausdrückte. Es war nicht schwer, ihn zu verführen. Sie berührte ihn bei den Abholungen flüchtig, zog sich enge Sachen an, beugte sich vor ihm nach unten, um etwas im unteren Regal zu suchen, oder spielte auf sexuelle Dinge an. Sie gab ihm ihre private Nummer, falls er außerhalb der Geschäftszeiten etwas bräuchte und schrieb ihm zweideutige Nachrichten. Eines Abends vor einem Jahr, als Helena wieder weg war, schrieb sie, er solle vorbei kommen, sie brauche ihn. Das genügte. Alice genoss, dass er sie begehrte. Ob er wusste, wer sie war, konnte sie nicht sagen. Sie redeten kein Wort darüber. Mit ihm fühlt sie sich zwanzig Jahre jünger und das will sie nicht aufs Spiel setzten.
Die Tür geht auf und er tritt mit zwei Gläsern Wasser herein, gibt ihr eines. Sie trinkt die Hälfte aus, sieht ihm dabei zu, wie er das Ganze auf einmal austrinkt. Ihre Beziehung beschränkt sich größtenteils auf den Sex. Manchmal bleibt er über Nacht, doch das kommt nicht oft vor.
„Magst du heute Nacht hier schlafen?“
„Warum?“
„Hm, lass mal überlegen. Weil ich dich gerne in meiner Nähe habe.“ Sie macht eine Pause. „Ich fühl mich heute nur einsam.“
Er wippt mit seinen Augenbrauen, reibt sich die Stirn. „Alice, hör zu. Ich mag dich, aber ich hab keine Zeit für eine Beziehung, geschweige denn, würde das mit uns funktionieren.“
„Ich will einfach nur, dass du neben mir schläfst. Ist das zu viel verlangt?“
„Nein, ganz und gar nicht, ich meine nur.“
„Auch wenn ich das mit dir sehr genieße, bin ich froh, wenn du wieder weg bist. Du musst keine Angst haben, dass ich Gefühle für dich entwickle, dafür bist du einfach viel zu jung.“ Sie tätschelt seinen Kopf im Wissen, dass er das nicht leiden kann.
Er dreht sich zu ihr. „Ach zu jung? Da hat auch seine Vorteile.“
„Welche wären das?“ Sie grinst ihn an. Er richtet sich auf, will sie küssen. Sie stemmt ihre Hand gegen seine Brust. „Also?“
„Was?“
„Bleibst du?“
Er küsst sie und nachdem sie ein weiteres Mal miteinander geschlafen haben, döst er neben ihr ein. Als sie auf seine Umrisse blickt, die sich im Dunkeln heben und senken, denkt sie über die seit Jahren andauernde Farce nach, die sie ihren Alltag nennt. Auch wenn Tim bei ihr ist, ändert das nicht viel. Diese Abende sind nur winzige Punkte, die im Makrokosmos des Lebens keinen Unterschied machen. Alice wird irgendwann aufgrund dieser Eintönigkeit vergehen.
Der Beitrag von heute Morgen kommt ihr abermals in den Sinn. Den ganzen Tag war sie beschäftigt, den Vorfall zu verdrängen. Wenn sie ihre Ängste dreht und wendet, ist sie sich sicher, dass es wieder losgeht. Kurz darauf schiebt sie es beiseite, sagt zu sich, dass das Mädchen vollgepumpt mit Alkohol oder Drogen in eine Glasflasche gefallen ist. Sie hat dergleichen schon zu oft gesehen.
Die Gedanken verflüchtigen sich, die Unruhe bleibt. Alles um sie ist still, nur Tims Atem erfüllt den Raum. Diese Anspannung, die sie in letzter Zeit täglich erfasst, ist an eine Ansicht geknüpft, die in ihr auflodert: Vor zwanzig Jahren war sie an diesem Ort gefangen und freier, als sie es jemals für möglich hielt.
Alice schmiegt sich an Tims Körper. Sie hegt nur Gefühle der Lust für ihn, doch in diesem Moment erfüllt sie eine Art Geborgenheit. Sie weiß, dass wenn sie aufwacht, er verschwunden ist und dafür ist sie dankbar, ansonsten erträgt sie ihr Leben noch weniger.