Kurzgeschichten
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Die Suche nach dem Nichts
Heute regnet es. Feuchte Kälte frisst sich in meine Knochen. Es ist Dienstag, glaube ich. Ich habe schon seit längerem mein Zeitgefühl verloren. Ich verbringe zu viel Zeit an Bahnhöfen. Bahnhöfe, niemand verharrt hier länger als nötig, außer die, die ihren Besitz, oder ihren Verstand verloren haben. Auf mich trifft keines von beidem zu.
Mein Blick fällt auf die Bahnhofsuhr: es ist 6:30 Uhr. Ich sehe auf die Anzeigetafel links daneben, in fünfzehn Minuten fährt der nächste Zug Richtung Flughafen ab. Am Flughafen angekommen, müsste ich mich für mein nächstes Ziel entscheiden, was mir zunehmend schwerfällt. Zu Beginn meiner Reise wählte ich meine Stationen sorgfältig aus, mittlerweile ist es mir egal. Hauptsache, ich bin in Bewegung. Mein Innerstes ist taub, bin eingeschlossen in mir selbst. Ich könnte mich von diesem Gefühl befreien, vom Leben ablassen, doch das würde heißen, dass ich eine endgültige Entscheidung treffen müsste und darin war ich noch nie gut.
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The search for nothingness
It's raining today. The damp cold eats into my bones. It's Tuesday, I think. I've lost my sense of time for a while now. I spend too much time at train stations. Stations, no one stays here longer than necessary, except those who have lost their possessions or their minds. Neither applies to me.
I glance at the station clock: it's 6:30 am. I look at the display board to the left, the next train to the airport leaves in fifteen minutes. Once at the airport, I have to decide on my next destination, which is becoming increasingly difficult. At the beginning of my journey, I chose my stops carefully, but now I don't care. The main thing is that I'm on the move. My innermost being is numb, I am locked inside myself. I could free myself from this feeling, let go of life, but that would mean I would have to make a final decision and I've never been good at that.ung erscheint hier
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Verlorene Jahre
Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit.
Andreas sitzt auf einer Parkbank vor dem Krankenhaus in Wangen, zu schwach, um aufzustehen. Es ist Februar, kalte Luft füllt seine Lungen, die sich wie mit Nadeln gefüllt, anfühlen. Die Stiche erinnern ihn daran, dass er noch am Leben ist. Seine Hände, sehnig und mit einer fleckigen Haut bespannt, zittern. Er sinniert über das Älterwerden, seinen stetigen Verfall, von dessen weiterem Verlauf er müde und überdrüssig ist. Seit seine Frau vor vier Monaten gestorben ist, geht es bergab mit ihm.
Obwohl er seit einem Jahr weiß, dass er Krebs hat, blieb er bisher von größeren Auswirkungen verschont. Eine seltene Form der Leukämie hat seinen Körper befallen, die die roten Blutkörperchen daran hindert Sauerstoff durch seinen Körper zu transportieren. Seine Aussichten sind deprimierend, irgendwann wird er keine Luft mehr bekommen und ersticken. Frei atmen konnte er bereits vor seinem Krankenhausaufenthalt nicht mehr, da sich zu viel Wasser in seiner Lunge befand. Die Ärzte hätten ihm Bluttransfusionen verabreichen können, wäre er denn dafür geeignet gewesen. Seine Blutwerte waren nicht lebensbedrohlich genug, obwohl er aufgrund des Sauerstoffmangels beim Bäcker wenige Stunden zuvor kollabiert ist. Die Ärzte wollten ihn im Krankenhaus einbehalten, was er ablehnte. Andreas will so schnell es geht, zurück in seine Wohnung. Er unterschrieb eine Verzichtserklärung in der stand, dass er selbst für seine Entlassung verantwortlich ist und verließ unter mahnenden Worten der Ärzte und Krankenschwestern das Gebäude.
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Lost Years
This story is based on a true event.
Andreas is sitting on a park bench outside the hospital in Wangen, too weak to stand up. It is February, cold air fills his lungs, which feel as if they are filled with needles. The stitches remind him that he is still alive. His hands, sinewy and covered with blotchy skin, tremble. He muses about getting older, his steady decline, of which he is tired and weary. Since his wife died four months ago, things have been going downhill for him.
Although he has known for a year that he has cancer, he has so far been spared any major effects. A rare form of leukemia has affected his body, preventing the red blood cells from transporting oxygen through his body. His prospects are depressing, at some point he will no longer be able to breathe and will suffocate. He was already unable to breathe freely before his hospitalization because there was too much water in his lungs. The doctors could have given him blood transfusions if he had been suitable. His blood values were not life-threatening enough, although he had collapsed a few hours earlier due to a lack of oxygen at the bakery. The doctors wanted to keep him in hospital, but he refused. Andreas wants to get back to his apartment as soon as possible. He signed a waiver stating that he was responsible for his own discharge and left the building amid admonishing words from the doctors and nurses.
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Als ich aufhörte zu existieren
Das Geräusch von Reifen auf Asphalt. Ein langgezogener Laut, der in meinen Ohren vibriert, mich seit über einem Jahr begleitet. Ein tiefes Summen so gegenwärtig, dass ich unruhig werde, wenn ich es nicht höre.
Ich starre aus dem Fenster, blicke auf vorbeiziehende Bäume, die vom Licht der aufgehenden Sonne Schatten auf das Gras werfen. Seit einem Jahr bewege ich mich auf Straßen, die mich zu Städten und Konzertsälen führen, auf denen ich mit meiner Band auftrete, wieder in den Bus steige und erneut aus dem Fenster starre. So lange, bis ich das Bewusstsein verliere und in eine Art Schlaf abdrifte.
Ein Jahr konstant unterwegs zu sein, gab es für uns noch nie. Jedoch änderte sich alles, als unser fünftes Studioalbum vor eineinhalb Jahren erschien. Bei Verkaufsstart geschah zunächst nichts Ungewöhnliches; einige unserer Fans hatten es vorbestellt, als wir eine Single veröffentlichten. In der ersten Woche verkauften wir zweihundert Exemplare, was unsere Erwartungen deutlich übertraf. Was jedoch in den folgenden Monaten passierte, war für uns alle ein wahr gewordener Kindheitstraum. Zuerst nutzen ein paar Menschen Ausschnitte unserer Lieder für ihre TikToks; diese gingen dann viral und eine breitere Masse wurde auf unsere Musik aufmerksam. Wir spielten eine kleine Tour, die zum ersten Mal in allen zehn Städten restlos ausverkauft war.
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When I ceased to exist
The sound of tires on asphalt. A protracted sound that vibrates in my ears and has been with me for over a year. A low hum so present that I get restless if I don't hear it.
I stare out of the window, looking at passing trees that cast shadows on the grass from the light of the rising sun. For a year now, I have been traveling on roads that take me to cities and concert halls where I perform with my band, get back on the bus and stare out of the window again. Until I lose consciousness and drift off into a kind of sleep.
Being on the road constantly for a year has never happened for us before. However, everything changed when our fifth studio album was released a year and a half ago. Nothing unusual happened at the start of sales; some of our fans had pre-ordered it when we released a single. We sold two hundred copies in the first week, which was way beyond our expectations. However, what happened in the following months was a childhood dream come true for all of us. First, a few people used snippets of our songs for their TikToks; these then went viral and a wider audience became aware of our music. We played a small tour that was completely sold out in all ten cities for the first time.
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Das Kino der Gefühle
Paul sitzt in einer Straßenbahn und klopft mit dem Kopf immer wieder gegen das verschmierte Fenster. In der Bahn herrscht Stille, lediglich das leise Surren des Motors ist zu hören. Die übrigen Fahrgäste starren alle ins Leere. Paul reibt sich die Augen, seine Linsen trägt er seit einer Woche nicht mehr. Erst jetzt fällt ihm auf, wie bescheuert die anderen dabei aussehen, wenn sie mit offenen Mündern in ihre Hologramme blicken. In der Bahn gibt es keinen freien Sitzplatz mehr. Paul nimmt einen tiefen Atemzug, hustet und blickt auf die Anzeige. Zehn Minuten noch bis zu seiner Haltestelle.
Ein Jahr musste er warten, bis er einen Platz im Kino für ihn und Sofia ergattern konnte. Wie ein Lauffeuer hat sich die Eröffnung in der Stadt herumgesprochen. Wenn er die Besucher dazu befragte, wollten diejenigen nichts darüber preisgeben. Sie erzählten ihm lediglich, er solle es selbst erfahren, dann werde er verstehen. Dies sagten sie mit einem Strahlen in den Augen, das er noch bei keinem Menschen zuvor bemerkt hatte.
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The cinema of emotions
Paul sits in a streetcar and repeatedly knocks his head against the smudged window. There is silence, only the soft whirring of the engine can be heard. The other passengers are all staring into space. Paul rubs his eyes, he hasn't worn his lenses for a week. Only now does he realize how stupid the others look as they stare open-mouthed into their holograms. There are no more free seats on the train. Paul takes a deep breath, coughs and looks at the display. Ten minutes to his stop.
He had to wait a year before he could get a seat in the movie theater for him and Sofia. Word of the opening spread through the city like wildfire. When he asked visitors about it, they didn't want to reveal anything. They simply told him that he should find out for himself and then he would understand. They said this with a gleam in their eyes that he had never noticed in anyone before.
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Verlangen
In meiner Erinnerung existiert sie weiterhin: eine Version zweier Körper, die einander begehrten, um der fehlenden Nähe ihres Inneren Abhilfe zu schaffen. Eine Chance, sich Stück für Stück bewusst zu werden, dass es jemanden gab, der einen verstand.
Dieser Jemand war Valeria und das hellste an ihrer Kleidung waren die weißen Streifen ihrer Old Skool Vans, die sie jeden zweiten Tag durch schwarze Converse mit weißen Schnürsenkeln ersetzte. Als ich ihr das erste Mal begegnete, sah ich in ihren hellgrauen Augen, dass aus uns mehr werden würde als zwei Individuen, die im Wartezimmer beim Arzt nebeneinander saßen.
Ich humpelte in die Gemeinschaftspraxis, da ich mich am Vormittag an einem Metallteil gestoßen hatte, weil ich beim Fotografieren eines Kutschenfahrers meine Umgebung ausblendete. Es waren zwei Plätze frei, einer neben ihr, der andere neben einem älteren Mann, der nicht aufhörte zu husten.
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Desire
In my memory, it still exists: a version of two bodies that desired each other to remedy the lack of closeness between them. A chance to gradually realize that there was someone who understood you.
That someone was Valeria, and the brightest thing about her clothes were the white stripes on her Old Skool Vans, which she replaced every other day with black Converse with white laces. When I first met her, I saw in her light gray eyes that we would become more than two individuals sitting next to each other in the doctor's waiting room.
I limped into the group practice because I had bumped into a piece of metal that morning while taking a photo of a carriage driver and not paying attention to my surroundings. There were two seats available, one next to her and the other next to an older man who couldn't stop coughing.
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Fünf Jahre
„Hast du mich vermisst?“
Ich lächelte, spürte ihren Atem an meinem Hals. Ihre Lippen spitzten sich, schoben sich nach vorn. Sie strich mir mit ihren warmen Fingern über mein Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ihr Atem roch nach Lavendel, ihr Kuss kribbelte auf meiner Haut. Maja sah mich mit ihren dunkelbraunen Augen an, die zwischen meiner Mund und Augenpartie hin und her sprangen.
Sie öffnete ihre Lippen, atmete aus, streckte ihre Knie, hielt sich an meiner Schulter fest und drückte ihren Körper an meinen: „Du hast mir auch gefehlt.“
Dann löste sie sich von mir, warf ihr Haar, das so glatt war wie ihre Haut nach hinten und ging in die Küche. Ich folgte ihr, legte das Geld, das meine Illusion für einen Augenblick einstürzen lies, auf den Tresen und griff nach der Kaffeetasse, die sie in meine Richtung schob, um einen Schluck daraus zu trinken. Der Kaffee war beinahe so heiß wie ihre Hand, mit der sie mir Schweißperlen auf die Stirn trieb. Für einen Moment war meine Zunge taub, ich hustete und beobachtete, wie sie das Bündel Geldscheine in eine Schublade verstaute.
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Five Years
"Did you miss me?"
I smiled, feeling her breath on my neck. Her lips pursed and moved forward. She stroked my face with her warm fingers and kissed me on the cheek. Her breath smelled of lavender, her kiss tingled on my skin. Maja looked at me with her dark brown eyes, which darted back and forth between my mouth and eyes.
She opened her lips, exhaled, stretched her knees, held on to my shoulder, and pressed her body against mine: "I missed you too."
Then she broke away from me, tossed her hair, which was as smooth as her skin, back, and went into the kitchen. I followed her, put the money that had shattered my illusion for a moment on the counter, and reached for the coffee cup she pushed toward me to take a sip. The coffee was almost as hot as her hand, which made beads of sweat form on my forehead. For a moment, my tongue was numb, I coughed and watched as she stowed the wad of bills in a drawer.
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Fotografie - erste Arbeiten folgen in Kürze.
Über mich.
Hey, ich bin M.I. Slicer.
Es freut mich, dass du mich entdeckt hast und dich für meine Arbeiten interessierst.
Ich schreibe derzeit an Psychothrillern, Kurzgeschichten und Romanen. Mein Studium der Philosophie und Literatur beendete ich vorzeitig, um wieder in der Gastronomie zu arbeiten und mich voll und ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. In meinen Werken erwartet euch sowohl intensive Spannung als auch tiefe Einblicke in die Gefühle der Figuren, ihre Identität und die kritische Betrachtung unserer Gesellschaft.
Wenn ich euch durch meine Geschichten und Figuren einen anderen Blickwinkel auf die eine oder andere Sache gewähren kann, oder ihr euren Alltag für einen Moment vergessen könnt, dann ist mir das mehr wert als alles andere.