Fünf Jahre
„Hast du mich vermisst?“
Ich lächelte, spürte ihren Atem an meinem Hals. Ihre Lippen spitzten sich, schoben sich nach vorn. Sie strich mir mit ihren warmen Fingern über mein Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ihr Atem roch nach Lavendel, ihr Kuss kribbelte auf meiner Haut. Maja sah mich mit ihren dunkelbraunen Augen an, die zwischen meiner Mund und Augenpartie hin und her sprangen.
Sie öffnete ihre Lippen, atmete aus, streckte ihre Knie, hielt sich an meiner Schulter fest und drückte ihren Körper an meinen: „Du hast mir auch gefehlt.“
Dann löste sie sich von mir, warf ihr Haar, das so glatt war wie ihre Haut nach hinten und ging in die Küche. Ich folgte ihr, legte das Geld, das meine Illusion für einen Augenblick einstürzen lies, auf den Tresen und griff nach der Kaffeetasse, die sie in meine Richtung schob, um einen Schluck daraus zu trinken. Der Kaffee war beinahe so heiß wie ihre Hand, mit der sie mir Schweißperlen auf die Stirn trieb. Für einen Moment war meine Zunge taub, ich hustete und beobachtete, wie sie das Bündel Geldscheine in eine Schublade verstaute.
„Du weißt, dass du das nicht musst.“
Ich hob meine Hand, winkte ab und streckte sie nach ihr aus. Sie schloss die weiße Schublade, kam auf mich zu und die Seifenblase war wieder intakt. Ich trank einen weiteren Schluck aus der Tasse, die Zunge nach wie vor taub, geblendet von ihrem grünen tief ausgeschnittenen Pullover mit den langen Ärmeln, in die sie ihre Daumen hüllte.
„Na, was willst du heute machen?“, fragte sie mich, als sie vor mir stehen blieb und ihre Zunge über die Lippen glitt.
„Ich hatte mir gedacht, wir gehen spazieren.“
„Spazieren? Bei der Kälte?“
Ich nickte. „Ist das okay?“
„Aber klar doch. Ich bin nur überrascht.“
„Warum das?“
„Na, reden ist eine Sache, aber spazieren wollte noch niemand mit mir.“
Ich zuckte mit den Schultern. Sie lächelte und sagte: „Na dann, auf gehts.“
Wir liefen von ihrer Wohnung aus der Straße entlang in Richtung See, ohne ein Wort miteinander zu reden. Obwohl sie sonst die Stille mit Monologen zu füllen wusste, schlenderten wir wie Fremde nebeneinander her, bis wir in den Park eintraten. Bäume ragten aus gefrorener Erde den Himmel empor, Nebel verfing sich wie Wolle in den kahlen Baumkronen. Das Wasser, dunkelblau und glatt, reflektierte den grauen Himmel. Vor einem gespaltenen Baum verlangsamte sie ihre Schritte, sah sich um, verschränkte die Arme und wich von mir zurück. Sie schrumpfte fünf Zentimeter und ihre Brust wölbte sich nach innen.
„Henrik, jetzt passiert doch nichts Abartiges, oder? Das hättest du mir vorher sagen müssen.“
„Oh ja, ganz vergessen, dass ich dich gleich hinter einen dieser Bäume zerre“, sagte ich und spreizte die Hände vor meinem Gesicht.
Sie legte ihren Kopf schief, presste ihre rot gewordenen Lippen aufeinander. „Ha ha, sehr witzig. Aber im Ernst, was willst du hier?“
„Zeit mit dir verbringen.“
„Du weißt, dass wir ne andere Abmachung hatten?“
„Ich weiß, jetzt komm her“, ich streckte die Hand nach ihr aus. Sie löste ihre Verschränkung, kam auf mich zu und schlang einen Arm um meine Hüfte. Dann spazierten wir weiter.
Als der Nebel dichter wurde, frage ich sie: „Wir könnten sie aber auch ausweiten?“
„Muss ich dann immer mit dir spazieren gehen?“
„Besser, irgendwann sogar Tauben oder Möwen füttern.“
„Ich glückliche.“ Sie gurrte. „Kein Vogel zu sehen, schade.“
Wir drehten um. Drei Nebelfronten später stiegen wir die Treppe zu ihrer Wohnung nach oben und setzten uns auf ihr weißes Sofa.
„Wollen wir noch was bestellen?“, fragte ich und sie nickte.
Sie bestellte eine Bowl mit Hähnchen, ich ein Thunfischsandwich. Als wir die Bestellung abgeschickt hatten und ich mein Smartphone weglegte, stand sie vom Sofa auf und kam einen Schritt auf mich zu.
„Wie viel Zeit haben wir?“
„Genug.“
Sie drückte ihr Dekolleté in mein Gesicht, fuhr mit beiden Händen durch mein Haar und da war er wieder, dieser Rausch. Das Anschwellen meiner Begierde, die ich versuchte zurückzuhalten. Ich wollte sie nicht wie die anderen Männer vor mir nur für Sex benutzen, doch alles an ihr machte mich willenlos, sodass ich sie zu mir auf das Sofa zog und sie von ihren Kleidern befreite. Ihre Gesichtszüge lösten sich, ihr Körper öffnete sich mir. Ihre kreisenden Hüftbewegungen ließen das Innere meines Kopfes schmelzen. Es war so, als wäre sie nackt jemand, der sie angezogen nicht sein konnte.
Zwei Orgasmen später klingelte es an der Tür. Ich zahlte, danach saßen wir auf ihrer Couch, die Kleider um uns verteilt wie ein zweiter Teppich. Als sie aufgegessen hatte, legte sie das Besteck zur Seite, seufzte, fuhr sich durch die zusammengebundenen Haare, sah auf ihre Uhr und blickte zu mir. Ich legte den Rest meines Sandwichs auf den Teller und wandte mich ihr zu.
„Das war schön heute.“
„Willst du das wiederholen?“
Sie strich mir über meine Wange. „Liegt ganz bei dir.“
Ich sah in ihre mandelförmigen Augen, die zuckten und einen Punkt in meinem Gesicht fixierten.
„Zeig mir deine Welt.“
Sie ließ ihre Hand sinken, zog sich zurück.
„Hm.“ Sie starrte auf ihre Knie, ihr Gesicht errötete, dann sagte sie: „Ich glaube, du musst jetzt gehen.“
Ich nickte in mich hinein, streckte meinen Arm aus, um über ihren Rücken zu streicheln, während sie ihre Kleidung vom Boden aufsammelte, zog ihn aber auf halber Strecke wieder ein. Ich stützte mich von der Couch ab, packte meine Sachen. Sie sah mir zu, wie ich mich anzog, den Gang entlang zur Tür schlurfte und ohne umzublicken die Wohnung verließ.
War ich zu weit gegangen in meinen Bemühungen unsere Abmachung zu brechen? Ich hätte mich entschuldigen können – müssen – doch das hätte alles verschlimmert. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, kam mir unsere Bindung gläsern vor. Wir waren so vertraut und doch so weit voneinander entfernt, dass sie meine Tochter hätte sein können. Maja war ein Jahr älter als meine Sofia. Vielleicht wären sie befreundet gewesen und sie hätte meine Tochter besucht, damals, als alles noch intakt war, als ich Glück nicht spielen musste, bis Sofia, ja, bis sie.
Ich entfernte mich von der nebligen Gasse und folgte den zerstreuten roten Heckscheinwerfern der Autos. Der Abdruck des kalten Türknaufs brannte in meiner Handfläche.
Fünf Jahre waren vergangen, seit ich sie regungslos in der Badewanne gefunden hatte.
Fünf Jahre, in denen ich ihr Lachen nicht mehr gehört, dessen Klang vergessen hatte.
Fünf Jahre, seit ich nur noch friere.
Fünf Jahre, seit ich Fanny nicht mehr berührt hatte.
Fünf Jahre, in denen ich mich von Rausch zu Rausch hangelte, um nicht in meiner Trauer zu ertrinken.
Nachdem ich Sofia in der Badewanne gefunden hatte, war es, als hätte mich ein Zug überrollt und ich wäre äußerlich unversehrt wieder aufgestanden. Der unschuldige Körper, das Wesen meiner Tochter im Wasser treibend, als würde sie schlafen. Zunächst dachte ich das, dann entstand die Hoffnung, dass sie nur bewusstlos war, doch als ich ihren Puls ertastete und ihre kühle Haut berührte, verstand es auch mein Herz.
Als ich zum zehnten Mal versuchte einen Herzschlag zu erkennen und hoffte, dass sich etwas verändert hatte, trat meine Frau durch die Tür. Ich erinnerte mich nicht mehr an ihr Gesicht, was sie zu mir sagte, was sie tat, wie sie sich fühlte. Ich weiß nur, dass wir sie gemeinsam aus dem Wasser hoben, ihren Körper mit einem Handtuch bedeckten und den Notarzt, die Polizei und die Feuerwehr anriefen.
Nachdem Fannys Tränen versiegt waren, sahen wir zu, wie die Ersthelferinnen die Leiche unserer Tochter in einen Leichensack packten. Das nächste, an das ich mich erinnerte war ein, in einen langen Mantel gehüllten Bestatter, der seinen Hut abnahm und unsere Hände schüttelte. Der Siegelring an seinem Zeigefinger hinterließ eine blaue Druckstelle in meiner Hand, die bei dem Gedanken an diesen Tag schmerzte. Später erfuhren wir, dass sie an einem Hirnschlag gestorben war.
Mit zwanzig Jahren vom Schicksal dahingerafft. Obwohl sie kurz davor war zu studieren, Eltern, Freunde hatte, die sie liebten, war es ihr nicht erlaubt weiterzuleben. Sofia, die mit ihren kurzen blonden Haaren versuchte Zöpfe zu flechten, sich dann entschied, ihre Haare länger wachsen zu lassen, um sie, wenn sie diese beim Schlafen nervten, am nächsten Tag mit der Küchenschere abzuschneiden. Meine Tochter, die immer umgänglich und hilfsbereit war, die das Wohl der Anderen vor ihr Eigenes setzte. Natürlich war sie nicht perfekt, an vielen Tagen launisch, verschlossen, egoistisch, doch nie bösartig oder unfair. Trotz all ihrer Facetten weigerte sich ihr Körper weiter zu existieren. Wenn ich mich auch nur an Bruchstücke dieses Tages erinnerte, so begleitete mich diese Erkenntnis seit diesem Zeitpunkt: Ich hasse dieses Leben.
Ein paar Wochen nach ihrer Beerdigung kam es mir an manchen Tagen so vor, als wäre sie mit Freunden unterwegs und würde jederzeit anrufen, um zu fragen, ob ich sie nicht abholen könnte. Für diese Sekunden erhellte sich das Grau in mir, bis ich mich wieder erinnerte. Das war mein Problem. Ich wollte mich nicht erinnern, ihren blassen Körper vor mir treiben sehen, durch die Stadt laufen und ihre Gesichtszüge in anderen Mädchen erkennen. Ich wollte nur vergessen. Wenn ich das nicht schaffte, würde der Wunsch, ihr zu folgen, zu einem Monster heranwachsen, das so mächtig würde, dass es nicht nur mich, sondern alles um mich herum auffraß.
Als Erstes verschlang es meine Ehe. Wir meldeten uns beide für Therapiestunden an, doch während Fanny von Treffen zu Treffen immer weniger weinte, wuchs in mir der stille Vorwurf, dass sie sich mit der Situation arrangierte. Ich verstand nicht, dass sie an manchen Tagen wieder den Ansatz eines Lächelns zeigte. War ihr das Leben unserer Tochter egal? Ihr Tod eine zu hinnehmende Tatsache, die man abhackte?
Diese Gedanken brodelten ein Jahr vor sich hin, bis ich irgendwann nach Hause kam, sie mit einer Freundin telefonierte und das selbe Lachen auf den Lippen hatte, wie vor Sofias Tod.
„Du wolltest sie nie, stimmts?“
Sie brach in Tränen aus: „Denkst du, ich trauere nicht? Nur, weil ich versuche weiter zu machen heißt das nicht, dass ich sie vergessen habe.“
Rückblickend war das einer dieser Momente, in denen ich offen hätte sprechen sollen und mich nicht von ihr zurückziehen. Am Ende stand ich neben ihr und sah zu, wie sie ihre Tränen in den Handflächen sammelte und sich ein gequältes Lächeln auf meinen Lippen formte.
Es schien mir befremdlich, war ich mir immer sicher, dass ich mit Fanny mein Leben verbringen wollte. Doch als ich sie an diesem Tag lachen hörte, stieg der Hunger das erste Mal in mir auf. Ein Sehnen nach anderen Körpern, denen ich nur meine Trauer entgegenzusetzen hatte.
In der selben Woche schlief ich mit einer anderen Frau, deren Name ich vergaß. Alles, an was ich mich erinnerte, war, dass sie dunkelblondes Haar hatte, nach Patschuli roch und mich „Honey“ nannte. Ich war vereinnahmt von der Ekstase des Fleisches, aus der ich aufwachte, nachdem ich mit ihr geschlafen hatte. Ein Rausch, der mir zumindest für den Akt des Beischlafes den Tod meiner Tochter aus dem Kopf löschte.
Ich hatte es zuvor mit Alkohol oder anderen Drogen versucht, doch jede Substanz verstärkte die Erinnerungen an sie. Demzufolge war mir, als hätte ich keine andere Wahl, meine Vorstellung unserer Ehe von: „Bis das der Tod uns scheidet“, zu zerstören.
Fanny stieß einen Schrei aus, als ich davon beichtete. Ihr Kopf vibrierte, die blonden Haare lagen wie elektrisiert auf ihren Schultern. Sie wippte hin und her, atmete schnell, presste ihre Lippen aufeinander und löste sie wieder. Sie fixierte unsere Therapeutin, die versuchte mit dem Auflegen ihrer Hände Ruhe in ihr Zittern zu bringen. Nach zwei weiteren Schreien, dem Abreißen einer Kette an ihrer Handtasche stand sie auf und verließ die Praxis, als gäbe es uns nicht. Am selben Tag packte ich mit Röte im Gesicht meine Sachen und zog vorübergehend in ein Hotel. Fünf Jahre darauf wohnte ich allein und bis auf eine einzige Begegnung, als ich den Rest meines Krempels holte, sah ich sie nie wieder.
Ich saß auf meinem Bett, als ich eine Antwort von Maja erhielt, ob ich ihr mit meiner Forderung nicht zu nahe getreten bin.
„In drei Tagen. Beim Artemis in der Stadt. Um Mitternacht.“
Kurz stieg Leichtigkeit in mir auf, dann fragte ich, was ich hier machte? Diese Treffen mit einer Frau, die halb so alt war wie ich. Außerdem reflektierte ich meine Bitte: „Zeig mir deine Welt“, die ich kopfschüttelnd und mit heißen Wangen in meinen Gedanken wiederholte. Die Begierde nach dem Rausch war stärker in mir, als die Alternative allein zu bleiben. Dann fragte ich mich, ob ich so viel besser war als die Typen, die sie vor mir hatte.
Drei Tage später lief ich am See entlang und bog in die Stadt in Richtung Club ein. Gelb orangenes Licht brannte auf den Asphalt, mein schwarzer Mantel verschmolz mit der Dunkelheit, darunter trug ich ein blaues T-Shirt, dunkle Jeans und schwarze Sneaker. Aus der Ferne sah ich, dass sie mitten in einer Gruppe Menschen stand, die mit ihren Bierflaschen klimperten, Tabletten verteilten und sie hinunterspülten. Süßlicher Duft stieg mir in die Nase. Ich näherte mich mit kürzer werdenden Schritten. Wie würde ich mich vorstellen? Was würden sie denken, dass sie so einen alten Liebhaber hatte? Moment mal, was war ich eigentlich für sie? Ich würde nur meinen Namen sagen, vielleicht übernahm sie das Reden.
Meine Füße stoppten, ich holte Luft, als die Gruppe ihre leeren Flaschen abstellte und sich Richtung Club in Bewegung setzte. Maja blieb zurück in der klaren Nacht unter dem Schein einer Laterne, die grelles Neonlicht auf sie herabprojizierte. Sie steckte die Hälfte ihres Gesichts in ihre rote Jacke, die Haare fielen ihren Rücken in lang gezogenen Locken hinab.
Mein Innerstes zog sich zusammen, mein Atem beschleunigte. Ich schloss meine Hände öffnete sie. Unter der Daunenjacke spitzelte der Zipfel eines blauen Wollrocks hervor, dazu schwarze Strümpfe und weiße Sneakers. Sie trat von einem auf den anderen Fuß, holte ihr Smartphone heraus, wischte darauf herum, steckte es wieder ein.
Maja war es, die mich vor zwei Monaten in der Bar angesprochen hatte, mit mir gegen Ende des Abends auf dem Sofa saß, ihre Beine über meine legte und nach jedem Satz näher kam. Ich hätte aufstehen und gehen können, stattdessen legte ich meine Hände an ihre Taille und zog sie zu mir.
Ich atmete aus und ging auf sie zu. Sie lächelte, schob dabei ihre Oberlippe ein Stück nach vorn.
„Da bist du ja endlich.“
„So kalt?“
Sie sah mich an, „ne ganz erfrischend in meinen Klamotten.“
„Ich dachte schon.“
„Ha, ha.“
„Sind deine Freund schon rein?“
„Keine Ahnung.“
Ich lachte.
„Komm jetzt.“
Wir stellten uns an, bezahlten den Eintritt und gaben unsere Jacken ab. Als sie ihre Daunenjacke auszog, stand sie in einem dunkelgrünen Top vor mir.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich sie. Sie lächelte wieder, umschloss meinen Unterarm und zog mich Richtung Bar. Monotone Bässe vibrierten in meinen Ohren. Blinkende Lichter erfüllten den sonst schwarzen Raum. Menschen wirbelten mit ihren Körpern, in sich versunken, auf der Tanzfläche umher. Maja ließ meinen Arm nicht los, zog mich an den Personen vorbei zur Bar, bestellte zwei Bier und als ich entgegnen wollte, dass ich nichts trinke, wurde mir bewusst, dass es kein Zurück mehr gab.
Das Bier kam, sie zahlte, stieß mit mir an, sah sich um und zog ein Plastiktütchen aus ihrem BH.
„Wenn du jetzt irgendetwas Komisches vorhast, hättest du mir vorher Bescheid sagen müssen“, schrie ich in ihre Richtung. Sie öffnete ihren Mund, hob eine Hand davor und rollte mit ihren Augen. Dann tippte sie auf meinen Handrücken.
Ich sah sie an, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
„Nun mach schon“, sagte sie, kam zu meinem Ohr. „Du wolltet doch meine Welt kennenlernen, oder?“
Ich spürte ihren Atem auf meinem Nacken, ihre sich bewegenden Lippen an meinem Ohr.
„Okay, was ist das?“
„Vertraust du mir nicht?“
„Doch.“
„Dann Hand auf.“
Sie legte eine Tablette, die aussah wie ein blauer Fruchtzucker in der Form eines abgerundeten Dreiecks mit einem Aufdruck in meine Hand und spülte ihre mithilfe des Bieres hinunter. Ich beobachtete sie, wie sie die Flasche abstellte, wollte kein Feigling sein und tat es ihr gleich.
„Schau nicht so verwirrt“, sagte sie und wuschelte mir durch mein Haar, als wäre ich sechs Jahre alt. Maja lachte. Nachdem ich mein Haar glatt gestrichen hatte, ergriff sie meine Hand, zog sich zu mir, lehnte sich auf mich und gab mir einen Kuss.
„Wie lange?“
„Das merkst du dann schon.“
Ich bestellte nochmals zwei Bier, wir ließen die Flaschen klirren. Dann umklammerte sie meine Hand und wir zwängten uns auf die Tanzfläche. Ihr Haar flog über ihre Schultern, als sie sich zu den wabernden Bässen des Technos bewegte, ihre Flasche in der einen, die andere über ihre Taille streichend. Ich beobachtete die Personen um mich herum, wie sich alle unterschiedlich und doch gleich bewegten: mit aufgerissenen Augen und einem Lächeln im Gesicht, das an den Ohren festgetackert war.
Ich analysierte, lernte, passte mich an, was Maja bemerkte, ihre Lippen einen Spalt weit öffnete, ihr Becken gegen meines drückte und dann wieder von mir abließ. Als das Bier in meiner Hand sich der Umgebungstemperatur angepasst hatte, kam er: Eine sanfte Welle, die mich mit sich trug, immer mehr Fahrt aufnahm. Erleichterung breitete sich in mir aus, die alles Negative in den Hintergrund rückte und meinen Panzer gegen Daunenkissen austauschte.
Ich sah zu ihr. Majas Augen glänzten in den flackernden Lichtern. Mein Herz hämmerte im Takt der Farben gegen meinen Brustkorb. Auf einmal war ich so wach wie noch nie, im Moment des Rhythmus versunken und ganz in sie. Diese Frau, die mir jetzt vorkam wie die schönste der Welt, die ihren Kopf in den Nacken fallen ließ, ihre Oberlippe nach vorn schob und einen Arm in die Luft streckte. Die Lichter pulsierten auf ihrer Haut: lila, grün, weiß und ich tanzte weiter, bemerkte, wie ihre Nase auf und ab hüpfte, ihre Lippen sich öffneten und wieder schlossen, wie ihr Haar in den flackernden Farben glänzte, sich ihre Locken von den Haarspitzen aus ausbreiteten und ihr Gesichtsausdruck frei von Spannung war.
In diesem Moment hatte ich vor, ihr alles zu gestehen. Stattdessen kam sie auf mich zu, umschlang meinen Nacken und küsste mich. Die Musik verstummte, der Geschmack von Zartbitterschokolade breitete sich in meinem Mund aus. Ich spürte ihren Herzschlag durch ihr Top, ihr Atem wurde zu meiner Musik, ihr Körper der sichere Ort, den ich gesucht hatte. Als sie sich von mir löste, rann eine Träne meine Wange hinunter. Ich wischte sie weg, drehte den Kopf, doch sie küsste die Stelle.
Wir verließen die Tanzfläche, bestellten zwei Wasser an der Bar und Maja deutete in einen Nebenraum, in dem mehrere cognacfarbene Ledersofas aneinandergereiht waren. Die Hälfte war besetzt, wir ließen uns auf eines im Eck nieder. Nachdem wir uns gesetzt hatten, krampfte mein Kiefer, als wäre mir kalt, mein Atem ging schwer. Das innere Glück drückte gegen die Wände meines Körpers.
„Kaugummi?“
Ich nickte. Sie tippte erneut auf meinen Handrücken der kribbelte und ließ einen Kaugummi in die mit Schweiß benetzten Hände fallen. Sie steckte sich ebenfalls einen in den Mund, lehnte sich zurück und legte ihre Beine auf meinen Schoß.
„Wie gefällt´s dir bis jetzt?“
„So was hatte ich nicht erwartet.“
„Was hast du denn erwartet?“
„Keine Ahnung, zumindest nicht so was Intensives.“
Sie lachte, ein gedämpftes, zufriedenes Lachen. Dann streichelte sie meinen Arm, hob meine Hand, was sie sonst nie tat.
„Ich hoffe es passt, wenn wir kurz sitzen. Die sind gerade etwas stark, das lässt wieder nach.“
Ich berührte ihr Gesicht, fuhr ihr durchs Haar. Sie packte meine Hand und legte sie auf ihren Kopf. „Ganz sanft okay.“
Ich fuhr über ihre Kopfhaut, ihr Körper entspannte sich, sie „Mhm“te und hielt meine freie Hand fester.
Ich sank derweil tiefer in das Sofa, meine Sicht verengte sich zu einem Tunnelblick, in dem ich nur sie sah, mit ihren Grübchen auf jeder Seite und umhertanzenden Augenbrauen. Nachdem das Licht von Violett zu Orange und wieder zurück wechselte, richtete sie sich auf, griff nach ihrem Wasserglas und trank es in einem Zug aus.
„Vergiss nicht zu trinken, du dehydrierst sonst.“
Ich hob eine Hand zum Salut, dann trank ich.
Allmählich weitete sich mein Blickfeld wieder und ich kam Stück für Stück aus den Sofakissen hervor. Sie setzte sich auf, schlug ihre Füße in Richtung Lehne und stützte sich mit ihrem Körper auf mich. Ihr Kopf nur eine Nasenspitze von meinem entfernt.
„Weißt du, erst dachte ich, es wäre keine gute Idee, dich hier hin mitzunehmen und dir das alles zu zeigen.“
„Warum, weil ich zu uncool bin?“
„Nein“, sie schlug mir auf die Schulter, „weil das Meines ist, ganz allein.“
„Gehst du nicht mit deinen Freunden hier her?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Die würden das nicht verstehen.“
„Hm, ich dachte, alles ist so zwanglos bei euch?“
„Nicht bei allen“, sie sah an mir vorbei auf das Leder der Couch, „außerdem habe ich nicht viele echte Freunde. Im Grunde hasse ich den Großteil von ihnen.“
„Mich auch?“
„Dich ganz besonders.“
Sie streichelte meine Brust, ihre Pupillen so weit wie ihre Iris.
„Aber eines interessiert mich noch.“
Sie zog an meinen Haarspitzen, kicherte, als wäre sie acht. „Was denn?“
„Warum hast du mich damals angesprochen? Mich, die traurige Gestalt an der Bar, allein, mit Bier in der Hand. Nicht gerade sehr attraktiv.“
Sie seufzte. „Nun ja, das war genau das, was mich angezogen hat. Du hattest nichts Verbittertes in deiner Traurigkeit, eher etwas Sanftes und ich dachte, wenn ich richtig liege, dann tust du mir wenigstens nicht weh.“
„Warst du high?“
Sie grinste. „Ein bisschen vielleicht.“
Ich legte den Kopf schief, versuchte meine Augen zu vergrößern.
„Okay, nein war ich nicht. Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat. Bisschen bereue ich es schon, dann müsste ich jetzt keine solche Fragen beantworten.“
„Selber Schuld, wenn du mich verführst.“
„Ich dich verführen? Klar, jetzt ist es wieder die Schuld der Frau.“ Sie wuschelte mir durchs Haar, während ich Tränen lachte. Als ich mich beruhigt hatte und sie wieder an meinen Haarspitzen zog, stellte sie die Frage: „Aber warum warst du eigentlich damals in der Bar und hast getrunken? Du trinkst ja sonst nie.“
„Ich wollte mich erinnern.“
„Und an was?“
„An den Tod meiner Tochter.“
Ich hielt eine Hand vor den Mund, der schneller war als mein Gehirn.
„Das tut mir leid.“
Bilder von Sofias blassem Körper stiegen vor meinem inneren Auge auf. Maja umschloss meinen Kopf mit ihren Händen, zwang mich sie anzusehen. „Denk jetzt da nicht dran, okay. Sieh mich an, ich bin da.“
Sie legte ihre Stirn in Falten. Ich sah in den schwarzen Ozean ihrer Augen, dann zog ich sie an mich, bevor ich alles los ließ. Ganze Meere schienen hinter meinen Augen darauf zu warten, loszubrechen. Ich schluchzte nicht, stöhnte oder schrie nicht. Dieser Knoten, den ich all die Jahre mit mir herumschleppte, der mich im Inneren zusammenschrumpfen ließ, verflüssigte sich und bahnte sich den Weg durch meine Tränenkanäle. Als die Bäche versiegt waren, wischte sie mit ihren Ärmeln über meine Wangen. Mein Gesicht gerötet, die Augen brannten.
Ich sah sie an und sagte: „Danke.“ Sie berührte mit ihrem Zeigefinger erneut meine Nasenspitze. „Du kannst gerne mit mir darüber reden, wenn du bereit bist. Egal wann.“
Wieder nickte ich, dann zog sie erneut das Tütchen aus ihrem BH und tippte wieder auf meinen Handrücken. „Dann gehts dir gleich wieder besser. Keine Sorge, die sind nicht zu stark, mehr zum Tanzen.“
Ich spürte, wie trotz meiner neu gewonnen Leichtigkeit eine Art Schwere zurückkam und dann verstand ich, dass sie mich gezielt in diese Situationen brachte, nicht anders herum. Ich öffnete meine Hand, sie legte das gelbe Quadrat in meine Handfläche und wir spülten die Tabletten mit dem handwarmen Wasser aus meinem Glas herunter.
„Na dann, lass uns mal aufstehen, ich brauch was Neues zu trinken.“
Wir begaben uns an die Bar, bestellten Wasser, tranken aus, bestellten erneut, wechselten unseren Kaugummi und schoben uns zwischen den Menschen hindurch in den Strudel der Bässe, in dem die Haare auf meiner Brust vibrierten. Wärme stieg in meinen Körper und mit ihm kam die Leichtigkeit zurück, die mich dieses Mal in die Luft hob, als von innen gegen meinen Körper zu drücken.
Maja glänzte mehr als zuvor: kein verschwitztes Haar, nicht das Anzeichen von Augenringen, nichts, dass darauf schließen ließ, dass sie die Nacht mit mir wach war. Lediglich die Locken ihrer Spitzen erklommen nach und nach ihren Haaransatz. Ich schloss die Augen, dachte daran, wie Sofia früher auf dem Weg zum Kindergarten, sich mit ihrer Hand in meine schmiegte. Daran, wie ich mindestens fünfzehn Minuten bei ihr blieb, ehe ich sie bei den anderen Kindern lassen konnte. Ich spürte den Druck ihrer Finger, wie ihr Lachen jede Zelle meines Körpers durchdrang und dann existierte nur noch das Bild.
Ich öffnete die Augen, sah, wie Maja ein Lächeln mit ihren Lippen formte und da wusste ich endgültig, dass sie diejenige war, mit der ich darüber reden würde. Ich zog sie zu mir. Die Stellen, an denen sich unsere Haut berührte, kribbelten. Sie krallte sich an meinem Rücken fest. Wie elektrisiert schlangen sich unsere Zungen ineinander. Es war anders als zuvor: intensiver, vertrauter. Sie bewegte ihren Mund an mein Ohr. „Lass uns gehen.“
Wir stolperten aus dem Club, stiegen in ein Taxi, fuhren zu ihr, schlossen die Tür hinter uns und waren bereits nackt, als wir in ihrem Bett lagen. Ihre Augen, ein dunkelbrauner Ozean, der sich um mich legte, mich aufnahm, so wie ihr Körper, der nicht mehr fordernd war, sondern zärtlich, anschmiegend und vertraut. Ich hörte nicht auf, über ihren Körper zu streichen, den Duft von Lavendel einzusaugen, die Grübchen in ihrem Gesicht zu berühren. Den Geschmack nach Zartbitterschokolade auf meiner Zunge. Keiner von uns spielte mehr eine Rolle, wir ließen uns einfach fallen.
Wir taten es so lange, bis die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen. In Decken gehüllt setzten wir uns auf ihren Balkon und beobachteten die Sonne, wie sie über den Horizont die Berge hinauf kroch.
„Jetzt versteh ich´s nicht.“
„Was genau?“, fragte ich, während sie ihren Kopf auf meine Schulter legte.
„Dass du mich besser kennenlernen wolltest und ich ja gesagt hab. Irgendwie denke ich, dass ich die Antwort kenne, aber ich weiß nicht, ob ich sie hören will, verstehst du? Nachdem du mir von ihrem Tod erzählt hast, ergibt alles etwas mehr Sinn und weißt du was, es stört mich nicht, denn du behandelst mich gut und heute warst du sehr tapfer“, sie stieß mich in die Seite, hackte mit ihrem Arm unter mein aufgestelltes Bein und kroch näher zu mir.
„Ich denke, warum ich dich gefragt hab, war, weil du die Erste warst, der ich nichts vorspielen musste. Keine Heiterkeit, kein Lächeln. Du warst da, als ich mich an sie erinnert habe, zwei Mal.“
„Manchmal kommt es eben darauf an, dass die Wunden zueinander passen.“
Ich drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. Sie seufzte, dann schwiegen wir, sahen weiter dem Lauf der Sonne zu, bis ihr Kopf auf meiner Schulter immer schwerer wurde und ihr Körper wie ein Wäschesack an meinem lehnte. Ich wickelte die Decke um sie, hob sie vom Boden und legte sie in ihr Bett. Auf ihren Lippen ein Lächeln, das sie öffnete, um dann die Worte im Halbschlaf zu sprechen, nach denen es kein Zurück mehr gab: „Ich liebe dich.“
Mit ihnen spannte sich der Knoten wieder enger um meine Glieder und zog sich zusammen. Meine Umgebung verwandelte sich in eine matte Oberfläche, als würde der Nebel die Sonne ersticken. War es nicht das, was ich mir insgeheim gewünscht hatte? Liebe in der Einsamkeit, bei der sich meine Trauer nicht verstellen musste. Eines Tages wird auch das zu Ende gehen. Alles veränderte sich, dieser Abend der Letzte seiner Art. Wie ein Lieblingslied, das man zum ersten Mal hört und sich dann abnutzt. Die verlorenen Momente unserer Existenz, in denen das Leben an uns vorbeizieht.
Ich hatte vor, mich neben sie zu legen, um mich noch kopfloser in sie zu verlieben. Der Beginn eines neuen Lebens. Wo führte das alles hin? Als ich mir ein Leben mit ihr vorstellte, war ich mir sicher, dass sie mich mehr hassen würde als Fanny und da wurde mir bewusst, dass in den vergangenen fünf Jahren dieser innere Kern von mir hart und unverändert geblieben war und sich nie auflösen würde. Egal, was in dieser Nacht passiert war, dieser Knoten blieb ein Teil von mir.
Ich ging in die Küche, griff mir einen Zettel und Stift. „Am Anfang dachte ich, ich würde dich nur treffen, um über ihren Tod hinweg zu kommen. Es war lediglich ein vorgeschobener Grund, mir nicht einzugestehen, dass ich mich mit dir nicht mehr ganz so einsam fühlte. Jetzt, wo ich weiß, dass du mich auch liebst, kann ich dich nicht mit in meinen Abgrund reißen. Ich ertrage es nicht, noch einen geliebten Menschen zu verlieren.“
Ich legte den Stift beiseite. Der letzte Satz war beinahe unlesbar. Ich begriff, dass auch wenn wir uns nicht mehr trafen, die Anziehung füreinander zu mächtig war. Ich schlich mich an ihr Bett, sah, wie ihr Körper umschlossen von der blauen Decke, sich hob und senkte. Mein Hals schwoll an, sie hatte bereits zu viel Schmerz erlebt: erst vom Vater geschlagen, um dann von anderen Männern für Sex benutzt und manipuliert zu werden. Eine Träne traf meine Wange. Ich warf ihr einen unsichtbaren Kuss zu.
Im Anschluss schlüpfte ich in meine restlichen Klamotten, bediente mich an ihrer Messerschublade, steckte eines, das in meine Jackentasche passte ein und fasste den Entschluss, das durchzuziehen, was ich die letzten fünf Jahre aufgeschoben hatte. Ich ließ die Tür mit einem Knall ins Schloss fallen und begab mich auf den Weg zum See.
Trotz der Sonne lag Nebel auf dem Wasser. Die Luft brannte in meinen Lungen. Kein Mensch war zu sehen und so stellte ich mich ans Ufer, holte das Messer aus der Tasche, beobachtete meine Erscheinung im Spiegel des Wassers, setzte an und ritze einen Spalt in meinen Arm. Ich sah zu, wie Blut ins Wasser tropfte. Die Sehnsucht, so zu sterben wie sie, im Tod näher als im Leben. Als ich zusah, wie sich das Blut im Wasser verflüchtigte, erhaschte ich einen alternativen Blickwinkel auf meine Existenz: Ein Leben, von Anderen vorgegeben, durch mich hindurchrauschend. Jeder Tag der Suche nach Sinn, einem Grund zum Weitermachen. Mein Dasein war eine Bürde, die mir jemand auferlegte. Diese Schwere, die mal leichter, mal ausgeprägter war, aber nie verschwand. Keiner, der spürte, was man selbst fühlte. Jeder Mensch mit einem unveränderlichen Kern, der verborgen blieb.
Und ich habe mir das so lange angetan, dachte ich, krempelte meinen anderen Ärmel hoch, setzte die Spitze an meiner Elle an und stach hinein, als mich jemand von hinten anrempelte, sodass mir das Messer aus der Hand fiel.
Braune Locken ragten unter einer grünen Mütze hervor. Augen die nicht mehr schwarz, sondern braun-rot waren, sahen mich an. „Du kannst doch nicht einfach“, sagte sie und brach in Tränen aus, schubste mich nochmals, griff nach dem Messer und warf es so weit sie konnte in den See. Dann wiederholte sie: „Du kannst mich nicht allein lassen, jetzt nicht mehr.“ Schwer atmend, stolperte sie auf mich zu, schlug mir auf die Schultern und Brust, bis sie keine Kraft mehr hatte und zusammenbrach.
Röte stieg in mein Gesicht. Ich hätte sie so zurückgelassen wie Sofia mich, mit dem Unterschied, dass ich eine Wahl hatte. Ich umarmte sie, wogegen sie sich zunächst wehrte, die Ellenbogen senkte und ihre Tränen in meinen Mantel sickerten.
„Es tut mir leid“, sagte ich, während ich den Ärmel über meinen Arm schob. Maja krallte sich fester in mich, ihr Körper zuckte nach jeder Träne, die in die Wolle drang. Sie war die Antwort, direkt vor mir, ich war nur zu stupide sie zu begreifen. Als ich in ihr verzerrtes Gesicht sah, kam mir die Einsicht, dass wenn ich nicht für mich lebte, ich es wenigstens für sie versuchen sollte.
All das eine verlockende Vorstellung. Wenn sie von dem Türschlag aufgewacht wäre, hätte ich jetzt eine Chance. Ein letzter Hilfeschrei.
In den wenigen Minuten, die mir bleiben, liege ich hier im Wasser. Blut strömt aus meinen Armen, die Kälte, erst wie tausend Nadelstiche, verwandelt sich in eine Daunendecke. Die Trauer fließt mit meinem Blut aus mir. Alles löst sich auf, der Knoten nur noch ein dünner Faden, der Platz macht für die Sehnsucht nach Maja, die so fest an mir zerrt, dass ich versuche aufzustehen. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Ihr Gesicht mit dem zarten Lächeln ist alles, an was ich denke.
Die Gewissheit, dass ich falsch lag holt mich ein. Sie war mein Heilmittel, der Grund, warum ich wieder lachte und wenn ich jetzt an sie denke, dann weiß ich, dass ich mich selbst für sie überwunden hätte. Und dann schaue ich zurück.
Wann bin ich nur so geworden wie die Anderen: den Kopf zum Boden geneigt, mit Augenringen, die mich nach unten ziehen. Hätte ich mich nicht für die Zeit freuen sollen, die ich mit ihr hatte? Das Leben nicht als Bürde, sondern als Chance, die Dinge besser zu hinterlassen und nicht im eigenen Sein dahinzuvegetieren. Stattdessen lenken wir uns alle durch Hedonismus von unserem bevorstehenden Tod ab. Worauf kommt es dann an? Worauf kam es bei mir an?
Maja war meine neue Chance, die ich mit tiefen Schnitten wegwarf. Seit dem Tag, als ich sie das erste Mal berührt habe, erscheint es mir, dass ich mich nicht anders hätte entscheiden können. Als ob die fünf Jahre dafür da waren, diesen Moment vor mir her zu schieben. Ich weiß, dass ich erst Sofia und jetzt auch Maja nie vergessen kann. Dass ich sie immer bei mir tragen werde, dass ich sie seit dem Tag, an dem ich sie beide das erste Mal gesehen hatte, wusste, auf was das alles hinausläuft.
Ihr Geschmack nach Zartbitterschokolade fehlt mir, ihre Berührungen, Nase, die Art wie sie spricht, mich ansieht, seufzt, mir auf meinen Handrücken tippt. Vielleicht wäre ein gemeinsames Leben möglich gewesen und die Gefühle ihr gegenüber hätten sich nicht so schnell verflüchtigt, wie bei den anderen. All das ist nur Vorstellung.
Die Wahrheit, die mir jetzt bevorsteht, kenne ich nicht. Wird sie dunkel oder hell sein, erlösend oder immerwährend traurig? War dies meine Chance auf das Paradies und ich habe alles kaputtgemacht? Meine eigene Hölle, oder nichts von all dem? Ein leerer Kosmos für uns in Raum und Zeit eingefroren, der gegenwärtige Moment, in dem allein das Chaos regiert. Aus all dem versuchen wir eine Essenz zu gewinnen, mit unseren Religionen, Philosophien, Wissenschaften. Das Universum, ein Mysterium, dessen wahre Natur wir niemals durchdringen.
Möglicherweise rede ich wirres Zeug, unterkühlt, übernächtigt, doch ich habe nie klarer gesehen. Ich rieche Lavendel, schmecke noch einmal den bitteren Geschmack ihrer Zunge und ahne, dass es keine Erlösung für mich gibt.
Ich spüre, wie mich zwei Hände an den Schultern packen und aus dem Wasser ziehen. Braune Locken, könnten es ihre braunen Locken sein? Warme Hände, die mir über mein Gesicht streichen, meinen Namen wiederholen. Für einen Augenblick herrscht Frieden, Stille, die den Rest des inneren Kerns aufbricht. Ich öffne meine Augen und blicke in den dunkelbraunen Ozean meiner Erlösung.